CH.FILM

Platzspitzbaby Schweiz 2020 – 98min.

Filmkritik

Nicht ohne meine Mutter, aber auch nicht mit ihr

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Pierre Monnard schildert eindringlich das Heranwachsen eines Mädchens, das zerrissen wird zwischen seinem Bedürfnis nach Normalität und der Liebe zu seiner drogensüchtigen Mutter.

Ende der 1980er-Jahre entsteht unweit von Zürichs Hauptbahnhof im idyllischen Park hinter dem Landesmuseum die grösste Drogenszene Europas. In aller Öffentlichkeit werden hier Drogen gedealt und konsumiert, für viele Süchtige ist der Platzspitz ihr Zuhause. Für alle anderen aber ist es definitiv kein Place to be. Schon gar nicht für ein Kind von elf Jahren wie Mia, die eigentlich im Auto warten soll, bis ihre Mutter vollgepumpt zurückkehrt. Doch „I wanna go home“ klingt es aus Mias Walkman. Mia geht los, ihre Mutter zu suchen inmitten der Junkies – später im Film geht sie selber für die Mutter Drogen abholen. Denn Mia möchte geliebt werden von Sandrine, die, wenn sie gut drauf ist, mit ihrer Tochter liebevoll und einfühlsam umgeht, und mit der Mia es durchaus auch lustig haben kann.

1992 dann wird der Platzspitz geschlossen, 1995 die offene Drogenszene aufgelöst. Mias Eltern trennen sich. Mia zieht mit Sandrine in ein Dorf im Zürcher Oberland. Die Situation scheint sich zu normalisieren. Sandrine nimmt Medikamente, Mia zählt mit Kühlschrankmagneten Sandrines abstinenten Tage. Sie hat ein eigenes Zimmer, geht nach den Ferien in die neue Schule, findet Anschluss an eine lokale Jugendbande, schliesst neue Freundschaften, und irgendwann schenkt Sandrine ihr einen Hund.

Doch am Dorfrand steht ein Haus, um das die meisten Dörfler einen Bogen machen. Denn in diesem Haus leben Menschen, die ähnliche Probleme haben wie Sandrine. Da gibt es auch Drogen – und Sandrine muss gar nicht bis nach Zürich fahren, um an Stoff zu kommen. Immer neu auf Null wird der Zähler am Kühlschrank gestellt, wenn Sandrine rückfällig wird, und Mia bleibt nichts anderes übrig, als sich mit ihrer Mutter auf eine ferne Insel zu träumen.

Wie eine Bombe eingeschlagen hat bei Erscheinen Michelle Halbheers autobiografisches Buch, auf dem Platzspitzbaby beruht. Pierre Monnard, spätestens seit seit der Serie «Wilder» bekannt für präzise Milieu-Schilderungen, hat Mias Geschichte realitätsnah inszeniert. Sarah Spale («Wilder») beeindruckt in der Rolle Sandrines mit der authentisch wirkenden Darstellung einer Süchtigen. Der wahre Star von Platzspitzbaby aber ist Newcomerin Luna Mwezi in der Rolle dieser Jugendlichen, die bis zur Erschöpfung um die Liebe ihrer Mutter kämpft. Packend, erschütternd, aufwühlend ist Platzspitzbaby. Ein unbeschönigtes und heftiges Coming-of-age-Drama, das seiner jugendlichen Heldin zwischendurch in wohltuender fantastischer Übersteigerung einen imaginären Freund zur Seite stellt. Stark!

20.01.2020

4.5

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Kommentare

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elelcoolr

vor 22 Stunden

Der Film fährt mächtig ein. Aus der Perspektive von Mia, mit Kinderaugen betrachtet, umso brutaler. Trotz ständiger Rückschläge gibt die Kleine die Hoffnung und die Liebe zur Mutter nie auf. Die Behörden machen es auch nicht gerade einfacher. In Ihrer Ohnmacht sucht sie Zuflucht in ihrer Traumwelt und in einer Clique. Die Hauptdarstellerinnen sind sehr überzeugend und die 90er Jahre wurden gut wiedergegeben, obwohl die damalige Jugendsprache überhaupt nicht getroffen wurde.Mehr anzeigen


navj

vor 7 Tagen

„Platzspitzbaby“ ist bedrückend, aufwühlend, niederschmetternd und zeigt das düstere Kapitel der offenen Drogenszene am Zürcher Platzspitz und derer Folgen. Der Film lebt von der Dunkelheit und zeigt realistische Bilder, die nicht immer einfach anzusehen sind. Die beiden Hauptdarstellerinnen Mia (Luna Mwezi) und ihre heroinsüchtigen Mutter Sandrine (Sarah Spale) liefern schauspielerische Glanzleistungen. „Platzspitzbaby“ ist absolut sehenswert!Mehr anzeigen


carmiin

vor 11 Tagen

Mitreissend und emotionale Geschichte die extrem gut gespielt wurde. Musste mich zusammenreissen nicht den ganzen Film lang zu heulen.


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