Notre-Dame du Nil Belgien, Frankreich 2019 – 93min.

Filmkritik

Gespenstische Vorboten düsterer Zeiten

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

In seiner Verfilmung eines autobiografisch geprägten Romans von Scholastique Mukasonga schildert Atiq Rahimi, wie sich in einem Mädcheninternat in den Bergen Ruandas 20 Jahre vor dem Genozid erste Spannungen zwischen Hutu und Tutsi anbahnen.

Ruanda 1973. Hoch oben im Quellgebiet des Nils steht ein katholisches Internat. Hier wachsen unter der Obhut einen strengen Oberin, beschützt von einer Schwarzen Madonna, und so es sein muss unter Beizug von Militär und Polizei, Mädchen zu jungen Frauen heran. Die meisten sind Hutu, einige wenige Tutsi: In der Nachwirkung der 1962 erlangten Unabhängigkeit übt man sich in Toleranz.

Die Töchter von Politikern, Militärs, Finanziers drücken die Schulbank und werden in die praktischen Dinge des Lebens eingeführt. Sie erledigen Hausarbeiten, reinigen die Madonnen-Statue, besuchen die Messe und werden auf Rolle als Frauen der Elite vorbereitet. In ihrer Freizeit schreiben sie (Liebes-)Briefe, necken sich und albern herum.

Gelegentlich schaut im Internat Monsieur Fontenaille vorbei und fertigt von der einen oder anderen Schülerin ein Porträt. Der Belgier, vielleicht auch Franzose, hat auf seinem Hof ein Tutsi-Museum eingerichtet, in seinem Garten befindet sich die Grabstätte einer Tutsi-Königin. Abgesehen von einigen vagen Andeutungen beginnt Notre-Dame du Nil heiter-idyllisch.

Doch nach den Ferien beginnt sich die Stimmung zu verdüstern. Die unglücklich verlaufende Schwangerschaft einer Schülerin sorgt für Bestürzung, die befreundeten Tutsi Veronica und Virgina zerstreiten sich nach einem Besuch bei Fontenaille. Und Gloriosa, Tochter eines Ministers, schürt mit ihren politischen Sticheleien Spannungen, die immer öfter in tätlichen Auseinandersetzungen enden.

Notre-Dame du Nil beruht auf einem Roman der ruandischen Schriftstellerin Scholastique Mukasonga. In poetischen Bildern verbindet der Film stilsicher politische Realität mit geistiger Kultur, christliche Moral und traditionelle Rituale mit sich aus den Untiefen der Geschichte erhebenden mysteriösen Figuren.

Raimis Film vermag als magisch aufgeladene Vorwegnahme des Genozids von 1994 durchaus zu fesseln. Etwas verhängnisvoll allerdings ist der Entscheid, ohne herausragende Protagonistin zu arbeiten: Nur schemenhaft charakterisiert, stets gleich angezogen, zudem mit sich zum Teil frappierend ähnlich sehenden Schauspielerinnen besetzt, sind die Schülerinnen voneinander leider oft kaum zu unterscheiden.

01.09.2020

3.5

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