Minari USA 2020 – 115min.

Filmkritik

Minari – Unkraut vergeht nicht

Gaby Tscharner
Filmkritik: Gaby Tscharner

Die Geschichte einer koreanischen Einwandererfamilie, die im ländlichen Arkansas ihr Glück als Farmer versucht, während sie sich gleichzeitig an die neue Umgebung, fremde Menschen und Bräuche gewöhnen muss. Ein sehr persönlicher und gleichzeitig universell verständlicher Film mit grossartigen Schauspielern, der seine sechs Oscar-Nominationen verdient.

Minari kann auf Deutsch als Wiesen-Wasserfenchel übersetzt werden und ist ein robustes, saftiges Kraut, das viel in der koreanischen Küche gebraucht wird. In Lee Isaac Chungs Film mit dem gleichen Namen blüht die koreanische Pflanze auch an den Ufern eines Flussbetts in Arkansas und dient damit als Metapher für die koreanische Familie, die versucht, in der Fremde Wurzeln zu schlagen.

Jacob Yi (Seven Yeun) und seine Frau Monica (Yeri Han) sind ein Ehepaar koreanischer Abstammung, das mit seinen zwei Kindern Anne (Noel Kate Cho) und David (Alan Kim) von Kalifornien ins ländliche Arkansas zieht. Dort hat Jacob ein 20 Hektaren grosses Stück Land gekauft, wo er exotisches Obst und Gemüse anpflanzen will, das den Koreanern in den USA einen kleinen Geschmack der Heimat bieten soll. Aber Jacob hat Schwierigkeiten, sein Business in Schwung zu bringen und Monica beginnt bald, an Jacobs Traum zu zweifeln. Als Monicas Mutter Soonja (Yuh-Jong Youn) aus Korea eingeflogen wird, um Monica zu beschwichtigen, aber auch um mit den Kindern zu helfen, verlagert sich die Familiendynamik.

«Minari» basiert auf wahren Begebenheiten im Leben des Autors und Regisseurs Lee Isaac Chung. Sein Blickwinkel im Film ist der siebenjährige David, ein Kind mit einem Herzdefekt, dem nicht viel zugetraut wird und dem Monicas ganze Sorge gilt. Während Davids Ärzte in Kalifornien leicht zugänglich waren, liegt das nächste Krankenhaus in Arkansas eine Stunde von der Farm entfernt. Während sein Vater dem Traum von der eigenen Farm nachjagt, begegnen David und seiner Schwester dem Rassismus von Gleichaltrigen, die ihn fragen, weshalb sein Gesicht so «flach» sei, oder glauben, koreanisch zu sprechen, obwohl sie die Sprache nur mit sinnlosen Lauten nachäffen.

Der Film erinnert an klassische amerikanische Geschichten wie George Steinbecks «Früchte des Zorns» oder «Jenseits von Eden», Geschichten von Menschen, die tief mit der Erde, die sie bearbeiten, verbunden sind. Jacobs Traum von den eigenen 20 Hektaren «guter, amerikanischer Erde» hat viel mit seinem Wunsch zu tun, sich als Immigrant in der neuen Heimat zu assimilieren und sich als Mann und Versorger seiner Familie zu beweisen. «Zwei Hektaren sind nur ein Hobby», antwortet er seiner Frau, die ihn genervt fragt, weshalb er denn soviel Land gekauft habe. Sie vermisst die Gesellschaft anderer Landesgenossen, die ihr in Kalifornien die koreanische Kirche bot. Die einzigen Koreaner weit und breit trifft sie nur an ihrem Arbeitsort, einer Geflügelfarm, wo sie weibliche von männlichen Küken trennt und damit finanziell die Familie über Wasser hält, während Jacobs Ernte keine Abnehmer findet.

«Minari» ist ein leiser Film mit wenig Action, aber voller Poesie. Gerade wenn man denkt, man wisse, wohin diese Geschichte führt, nimmt der Film überraschende Wendungen. Vom Rassismus, der sich unerwartet schnell entschärft, bis zur Grossmutter, von der wir erwarten, dass sie als strenge Autoritätsfigur auftritt. Auch David ist skeptisch, weil die ihm unbekannte Verwandte «wie Korea riecht und keine richtige Oma ist, weil sie keine Plätzchen bäckt». Aber Soonja ist vielschichtiger, als sie zu erkennen gibt. Sie lehrt David Karten zu spielen, sie flucht wie ein Fuhrmann und trinkt literweise Mountain Dew, eine der ekelhaftesten Limonaden auf dem amerikanischen Markt. Was aber viel wichtiger ist, die Grossmutter stärkt Davids Selbstbewusstsein und wird zu seiner Verbündeten.

Soonja brachte aus Korea einige Minari-Samen mit und pflanzte diese kurz nach ihrer Ankunft in den USA mit ihrem Enkel an einem Flussufer nicht weit von Jacobs Farm an. Und während die Yi Familie vom Schicksal getestet wird, gedeiht der koreanische Wasserfenchel in Arkansas prächtig. «Minari» erzählt eine sehr persönliche Geschichte auf eine Art und Weise, die sie universell verständlich macht. Sie erinnert uns an die weltweiten Schicksale von Familien, die dafür kämpfen, ein neuen Ort zu finden, den sie ihr zu Hause nennen können.

15.05.2021

4.5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 11 Monaten

Poetisch. Unterläuft Erwartungen. Immer mehr tauchen wir ein in eine unspektakuläre Geschichte, die hoch dramatisch wird - in all der Alltäglichkeit. Das Elternpaar dann und wann so in die Kamera eingefangen, dass eineR unscharf wird, und sich so eine Entfremdung anbahnt, die im Schlussbild Hoffnung wider alle Hoffnung aufblitzen lässt...Mehr anzeigen


Filmenthusiast

vor 11 Monaten

Anschaulich wie ein negativer Mensch wie Sand im Getriebe ist, und wie Religion auf Menschen wirkt. Vier Sterne für den Neuanfang, den Mut und für die Einzigartigkeit des Films

Zuletzt geändert vor 11 Monaten


Barbarum

vor einem Jahr

Auch wenn in „Minari“ hauptsächlich koreanisch gesprochen wird, das Werk von einer koreanischen Familie handelt, ist es ein ungemein amerikanischer Film. Denn basierend auf der Kindheit von Regisseur und Drehbuchautor Lee Isaac Chung erzählt „Minari“ vom amerikanischen Traum. Auf eine zuweilen lustige, dann wieder traurige, letztendlich universelle Art, die – und das ist erfreulich – nie ganz den Erwartungen entspricht. Also tut man ihm Unrecht, wenn man ihn auf Grenzen reduziert.Mehr anzeigen


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