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Menschenskind! Ich mach's allein Schweiz 2020 – 88min.

Filmkritik

Menschenskind! Ich machs allein

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Vater werden ist nicht schwer, Mutter sein dagegen… Die Filmemacherin Marina Belobravja zeugt mit Hilfe eines Samenspenders ein Kind. Ausgehend von ihren eigenen Erfahrungen als alleinerziehende Mutter hinterfragt sie in ihrem Film gegenwärtig herrschende Vorstellungen von Familie und Elternschaft und zeigt zugleich eine Reihe alternative Familienmodelle auf.

Es habe sich ein bisschen komisch angefühlt, lässt sie ihre Mutter im Skypegespräch unmittelbar danach wissen. Doch nun ist es vollbracht: Die Filmemacherin Marina Belobravja hat in einem Hotel irgendwo auf der Welt mit einem Samenspender ein Kind gezeugt und ihre Familie in Israel ist vom ersten Augenblick an mit dabei. Darüber, dass dieses Kind ohne Vater aufwächst, wird in der Familie kein Wort verloren. In Israel, heisst es im Film lapidar, stünden Samenbanken selbstverständlich auch alleinstehenden Frauen zur Verfügung. Überhaupt stellt sich in Gesellschaften, in denen sich Familienzugehörigkeit über die Mutter definiert, die Frage nach dem Vater ganz anders.

Marina Belobravja nun aber lebt seit einigen Jahren in der Schweiz. Hier, sowie in Deutschland, wo sie studierte, aber auch in weiteren Teilen der westlichen Welt, ist die Situation eine andere. Da haben Kinder ein Recht zu wissen, wer ihr leiblicher Vater ist. Und obwohl auch hier zunehmend alternative Familienformen aufkommen, definiert sich eine Familie in der Idealvorstellung der breiten Gesellschaft nach wie vor als Vater, Mutter, Kind.

Obwohl sie als Künstlerin und Filmemacherin sich in eher progressiven Kreisen bewegt, sieht sich Belobravja gezwungen, mit der von ihr gewählten radikalen Form von Mutterschaft vertieft auseinanderzusetzen. Und sei es nur, um zu wissen, wie sie diesbezügliche Fragen ihrer Tochter beantworten will. Sie tut es in Form dieses sehr intimen und klugen Filmes, in welchem sie ausgehend von ihrem Alltag mit Kind die Begegnung sucht mit Personen, die aus unkonventionellen Familienkonstellationen stammen oder in solchen leben. Frauen und Männern, die nicht die Kinder der Männer sind, die sie Vater nennen. Frauenpaare mit Kinderwunsch. Männer, die nicht Vater sein wollen, aber bereit sind, Kinder zu zeugen. Eine Frau, die keine Kinder will, und deren Partner, der einem befreundeten Paar aus der Kinderlosigkeit hilft.

«Menschenskind!» ist mutig, spannend und überraschend humorvoll. Ein Film, der in der selbstkritischen Auseinandersetzung der Regisseurin mit ihrem eigenen Lebensentwurf in vielfältiger Weise den Blick öffnet für ein topaktuelles und umstrittenes Thema.

25.05.2021

4

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