CH.FILM

Malmkrog Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Rumänien, Serbien, Schweden, Schweiz 2020 – 201min.

Filmkritik

Gott, Russland & Europa, zur vorletzten Jahrhundertwende

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Cristi Puiu forscht in einem kammerspielartigen Film der Weltordnung und menschlichen Befindlichkeit am Ausgang des 19. Jahrhunderts nach.

Ein Landgut irgendwo in Osteuropa zur Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Gefilmt hat man – daher der Titel – auf dem Apafi-Schloss im siebenbürgischen Malmkrog. Es ist kurz vor Weihnachten, draussen liegt Schnee. Gutsbesitzer Nikolai hat einige Freunde eingeladen. Einen russischen General mit Gemahlin. Die Pianistin Madeleine, emanzipiert und freidenkend. Die junge Verlegerin Olga, ihres Zeichens Anhängerin des orthodoxen Christentums, den französischen Politiker Edouard, ein Lebemensch und überzeugter Europäer. Auch anwesend sind zwei Dutzend Bedienstete, die unablässig ihrer Arbeit nachgehen. In einem Zimmer liegt krank Nikolais Vater.

Der Film setzt ein am Morgen mit einem langen Schwenk über das sich in die Landschaft duckende Haus. Die Gäste im Innern sind eben am Ende des Frühstücks angelangt. Derweil die einen im Esszimmer plaudern, erzählt Madeleine im Salon davor eine Parabel. Diese handelt von zwei Einsiedlern, deren einer sich nach einem ausschweifenden Wochenende über das Erlebte freut, derweil der andere sich über sein sündiges Verhalten grämt. Davon ausgehend eröffnen sich Fragen zu Gott und Teufel, Gut und Böse, Religion und Moral.

In diversen weiteren, im Laufe des Tages geführten Gesprächen werden der Fortschritt, Militarismus, Krieg und Friede thematisiert, auch der Tod und die Frage, ob Russland zu Europa gehört oder nicht. Diese Gespräche, tiefschürfend und pointiert, dienen der Charakterisierung der einzelnen Personen. Sie entwerfen zugleich auch ein Stimmungsbild der herrschenden Weltordnung und menschlichen Befindlichkeit; zugrunde liegt Cristi Puius Film die Schrift «Drei Gespräche über den Krieg, den Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte» des Philosophen Wladimir Solowjow.

Puiu lässt sich Zeit beim Erzählen. Die oft disputartigen Gespräche sind tiefsinnig, aber auch humorvoll, die Dialoge pointiert. Fotografiert ist «Malmkrog» – ähnlich wie etwa Alexander Sokurows «Russian Ark» – in langen Takes in die Architektur des Hauses und die Flucht der ineinander übergehenden Räume hinein, wobei die Bewegung von Kamera und Personen punktgenau choreografiert sind.

Ein grossartiger und kluger Film, der mit einer Länge von 201 Minuten vom Zuschauer zwar einiges Sitzleder fordert, aber einmal mehr belegt, dass der Rumäne Cristi Puiu («Aurora», «Sieranevada») einer der gegenwärtig faszinierendsten Filmemacher Europas ist.

11.10.2021

4.5

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