La Daronne Frankreich 2020 – 106min.

Filmkritik

Madame Hupperts krimi-komödiantisches Talent

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Jean-Paul Salomés Film um eine Polizei-Dolmetscherin, die sich unverhofft zur Drogenbaronin mausert, ist auch eine Hommage an das komödiantische Talent von Isabelle Huppert.

Patience Portefeux – die Figur ist dem in Deutsch unter dem Titel „Die Alte“ erschienen Roman von Hannelore Cayre entsprungen – hat es geschafft: Sie arbeitet bei der Polizei von Paris als Übersetzerin fürs Arabische. Den Schuldenberg, den ihr vor 20 Jahren verstorbener Mann ihr hinterliess, hat sie abgetragen. Ihre zwei erwachsenen Töchter sind aus dem Haus, ihre zur Extravaganz neigende Mutter wird in einem exklusiven Seniorenheim liebevoll umsorgt. Auch hat Patience seit einigen Monaten eine beglückende Affäre mit Philippe, dem Leiter des Drogendezernats.

Es wäre also alles paletti, flatterte nicht eines Tages die Ankündigung ins Haus, dass – falls Patience die seit Monaten ausstehenden Rechnungen das Pflegeheims nicht sofort begleicht – ihre Mutter in eine weit schäbigere Einrichtung abgeschoben wird. Der Zufall und Patience‘ Geistesgegenwart sorgen dafür, dass es soweit nicht kommt: Seit Jahren Tag und Nacht damit beschäftigt, die Telefonate von Drogendealern abzuhören und der Polizei bei deren Befragung als Übersetzerin zu assistieren, schaltet sich Patience bei einem Deal dazwischen. Fortan mischt sie als Madame Ben Barka Paris‘ Drogenszene auf und spielt mit der Polizei zugleich dreist Katz und Maus. Wäre da nur nicht ihre Geschichte mit Philippe…

Patience Portefeux ist eine grossartige Rolle für Isabelle Huppert, die hier – ähnlich wie schon in Madame Hyde oder Greta – die amoralischen Seiten einer auf den ersten Blick integren Person souverän ins Leinwandlicht kitzelt. Vor allem ihre Auftritte als von Grandezza strotzende marokkanische Drogenbaronin (Kostüme: Marité Coutard) sind grosses Kino. Sie lassen die davor protzigen Lokaldealer unverhofft mickrig aussehen und stehen im krassen Gegensatz zu den von Tumult geprägten Szenen auf dem Polizeirevier, in denen Patience als zuverlässig-fleissige Übersetzerin kaum auffällt.

Kommen dazu ein Drehbuch, das voller verblüffender Wendungen gekonnt auf komische Situationen und witzige Dialoge setzt, und Patience zusammen mit einem ehemaligen Fahndungshund und einer chinesischen Concièrge viel kriminelle Energie entwickeln lässt. La daronne schreibt sich somit leichtfüssig und temporeich ins Genre der Krimikomödie ein. Dass er sich zugleich zum gefühlsstarken Porträt einer Frau entwickelt und damit in die Nähe von Thelma & Louise rückt, dürfte das Verdienst von Regisseur Jean-Paul Salomé sein, der hiermit seinen zweifelsohne stärksten Film vorstellt.

22.09.2020

4

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Kommentare

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as1960

vor 29 Tagen

"La Daronne" erzählt die Geschichte einer Polizeidolmetscherin, welche getrieben durch finanzielle Not mit Hilfe von falschen Übersetzungen sich im Drogengeschäft beteiligt. Das ganze ist etwas konstruiert, und nur manchmal funktioniert die Situationskomik. Immerhin weiss Isabelle Huppert in der Titelrolle zu gefallen.Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor 29 Tagen


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