La bonne épouse Frankreich 2020 – 110min.

Filmkritik

Die perfekte Ehefrau

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Eine Frau hat zu bügeln, zu kochen, unterwürfig zu sein. So lehrt es eine elsässische Haushaltsschule jungen Frauen. Bis die feministischen Ideen der 68er aus Paris in der Schule ankommen. Die Komödie „La bonne épouse“ überzeugt mit beschwingtem Witz und einer eigenwilligen Hauptfigur, verwirrt aber mit einigen reißerischen, formelhaften Szenen.

Zusammen mit ihrer Schwägerin und einer Angestellten führt Paulette Van der Beck (Juliette Binoche) ein Haushaltsinternat. Dort bildet sie junge Mädchen zu pflichtbewussten Ehegattinnen und fleissigen Hausfrauen aus. Doch als ihr Mann stirbt, muss Paulette feststellen, dass die Schule bankrott ist. Und im Mai 1968 wird alles nur noch verworrener, als von Paris aus der Wind der feministischen Revolte weht. Das Chaos ist perfekt, als auch noch Paulettes Jugendliebe André (Édouard Baer) auftaucht.

Drei Jahre nach „Sage Femme“ entführt Martin Provost in die ausgehenden 1960er-Jahre. Es ist die Zeit der Frauenbewegung, der Studentenproteste und des mehrwöchigen Generalstreiks in Paris, der das ganze Land lähmte. Wie sich die Ideen von Emanzipation und Liberalisierung allmählich unter den Internatsbewohnern ausbreiten, fängt Provost nuanciert und mit Feingefühl ein. Zumal es ein sich langsam aufbauender Prozess ist, für den sich der Filmemacher entsprechend Zeit nimmt.

Bis schließlich vor allem die Schülerinnen die schier unbegrenzten Möglichkeiten – und Vorzüge – eines Lebens als unabhängige, mündige Frauen erkennen. Von ihnen lernt der Zuschauer einige etwas näher kennen (darunter eine freigeistige sowie eine psychisch labile Schülerin), allerdings entstehen leider nie echte Emotionen für die Schülerinnen. Denn bei der Ausarbeitung dieser Charaktere bleibt Provost zu sehr an der Oberfläche und setzt auf etablierte, erwartbare Wesenszüge.

Ganz anders geht er bei seiner Hauptfigur vor, die die spannendste Entwicklung durchmacht. Als sittsame, biedere Ehefrau, die sich ganz dem patriarchalischen System unterordnet, proklamiert sie die Pflicht der Frau im Haushalt und der Küche. Bis die Wandlung einsetzt – und sich in fein austarierten und von charmantem, subtilem Witz durchzogenen Momenten Bahn bricht. Etwa wenn Paulette erstmals ein auf ihren Namen laufendes Scheckbuch eröffnet oder ihr Etui-Kleid durch eine Hose ersetzt.

Der Tonfall des Films ist beschwingt und locker-leicht, bisweilen aber passen einige Szenen aufgrund ihrer Ernsthaftigkeit und Drastik so gar nicht zum Rest. So zum Beispiel jene Sequenz, in der Paulettes Mann auf etwas zu reisserische, überzogene Art verstirbt. Und das Finale koppelt sich in Sachen Inszenierung und Wirkung völlig vom Rest ab. Die Theatralik der Schlussmomente ist gewagt, auch wenn Provost mit ihnen letztlich all die Kraft und Energie einfängt, die in den damaligen Revolten steckten.

13.10.2020

3

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