Eternals USA 2020 – 156min.

Filmkritik

Geheime Wächter

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Im Frühjahr 2021 mit dem Regie-Oscar für «Nomadland» ausgezeichnet, legt die bislang stets im Independent-Sektor tätige Filmemacherin Chloé Zhao nur einige Monate später ihren ersten Studioblockbuster vor. «Eternals«, der 26. Beitrag im Marvel Cinematic Universe (MCU), bemüht sich um individuelle Akzente. Die Franchise-Formeln fallen deshalb aber keineswegs komplett unter den Tisch.

Kann eine Regisseurin, die sich mit leisen, intimen, fast dokumentarischen Dramen wie «The Rider» einen Namen gemacht hat, wirklich problemlos in die Welt des Spektakelkinos wechseln? Muss ihre eigene Handschrift dabei nicht zwangsläufig verlorengehen? Oder gelingt es ihr vielleicht sogar, ihren persönlichen Stil in den krawalligen Superheldenkosmos hinüberzuretten? Mit der gebürtigen Chinesin Zhao verpflichteten die Köpfe hinter der fortlaufenden Marvel-Reihe eine der interessantesten Figuren der aktuellen US-amerikanischen Filmszene. Dass auch sie nicht alle Superheldenketten zu sprengen vermag, versteht sich von selbst. Schön ist es aber allemal, dass «Eternals», zumindest phasenweise, versucht, ausgetretene Pfade zu verlassen.

Im Vergleich mit den bisherigen MCU-Abenteuern sticht auf jeden Fall das divers aufgestellte Ensemble an Charakteren ins Auge. Bereits «Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings», das 25. Kapitel der Leinwandsaga, betrat mit seinem asiatischen Protagonisten Neuland. Im Folgeabenteuer geben sich gleich zehn recht unterschiedliche Retter die Ehre, wobei erstmals eine Person mit einer Behinderung und eine homosexuelle Beziehung im Marvel-Kosmos auftauchen: Unter der Führung Ajaks (Salma Hayek) werden die mit übermenschlichen Fähigkeiten ausgestatteten gottgleichen Wesen Sersi (Gemma Chan), Ikaris (Richard Madden), Thena (Angelina Jolie), Sprite (Lia McHugh), Makkari (spielt eine gehörlose Figur und ist auch im wahren Leben taub: Lauren Ridloff), Kingo (Kumail Nanjiani), Phastos (Brian Tyree Henry), Druig (Barry Keoghan) und Gilgamesh (Don Lee alias Ma Dong-seok) vor mehreren tausend Jahren auf die Erde geschickt, um deren Bewohner vor einer aggressiven Alien-Spezies namens Deviants zu beschützen.

Immer dann, wenn Angriffe drohen, greifen die unsterblichen Eternals ein, haben allerdings die Weisung, den Lauf der Geschichte ansonsten nicht zu beeinflussen, weshalb die Welt trotz ihrer verborgenen Anwesenheit zahlreiche verheerenden Kriege erlebt. Nach dem vermeintlichen Sieg über die Deviants lassen sich Ajak und ihre Mitstreiter, unbemerkt von den Menschen, an verschiedenen Orten nieder. Als in der Gegenwart jedoch die Aliens, mit neuen Kräften versehen, für Angst und Schrecken sorgen, scheint es dringend notwendig, die alte Wächtertruppe wieder zusammenzutrommeln. Sersi, Sprite und Ikaris nehmen sich dieser Aufgabe an und machen gleich zu Beginn ihrer Reise eine schreckliche Entdeckung.

Muss man zehn Figuren in einem einzigen Film einführen, hat man zwangsläufig nicht genügend Zeit, um sie eingehender auszuleuchten. Zhao, die auch entscheidend am Drehbuch mitwirkte, versucht allerdings, regelmässig die Zweifel, Ängste, Sehnsüchte und Hoffnungen einzelner Eternals in den Blick zu nehmen. Hier und da mag es etwas kitschig werden. Ein ums andere Mal setzt die Regisseurin aber auch aufrichtig berührende Momente in Szene. Nach einem grossen Wendepunkt im Mittelteil wirft der Marvel-Beitrag spannende existenzielle Fragen auf, ohne diese in ihrer ganzen Wucht zu ergründen.

Die gut dosiert über die mehr als zweieinhalbstündige Laufzeit verteilten Kampfpassagen sind kompetent und übersichtlich gestaltet. Bahnbrechendes sollte man von «Eternals» in diesem Punkt jedoch nicht erwarten. Besser als manch andere Superheldensause bekommt es der Film dagegen hin, digitale Effekte und reale Schauplätze miteinander zu verbinden. Ein arg künstlich anmutenden Brei, wie er etwa im Finale von «Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings» zu sehen ist, gibt es bei Zhao nicht. Überhaupt schenken uns die Filmemacherin und Kameramann Ben Davis einige wunderbar erhabene Bilder, in denen nicht zuletzt ein enormer Ausstattungsaufwand zu Tage tritt. Imposant sind besonders die mehrfach eingestreuten Rückblenden, beispielsweise in das antike Babylon oder das Tenochtitlán des Jahres 1521, die uns vor Augen, wie und wann Ajak und Co der Menschheit unter die Arme gegriffen haben.

Geschmälert wird der Gesamteindruck leider durch einige erzählerische Nachlässigkeiten und ein typisches Marvel-Rezept, das sich in diesem Fall häufig falsch anfühlt. Dass die Charakterzeichnung ein wenig grob gerät, offenbart sich kurz vor dem Showdown, wenn sich ein Eternals-Mitglied recht plötzlich auf die dunkle Seite schlägt. Die mitgelieferte Begründung ist interessant, hätte vorher aber etwas stärker angedeutet werden müssen. Den für das MCU bekannten augenzwinkernden Humor fügen die Macher mit der Brechstange in das Geschehen ein. Nicht nur, dass manche Witze rein gar nicht zünden wollen. In einigen Augenblicken sind die Ausflüge ins Komische schlichtweg fehl am Platz. Sich vom Marvel-Strickmuster zu lösen, wäre vor allem in dieser Hinsicht klug gewesen.

08.11.2021

3.5

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Kommentare

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dulik

vor 2 Tagen

"Eternals" ist in seinem Charakter der bisher einzigartigste Film aus dem Hause Marvel. Der Streifen kommt vergleichsweise ruhig und stilvoll daher. Hier wird gleich eine Vielzahl neuer Helden eingeführt und dies funktioniert ziemlich gut. Vor allem aber eröffnet die Geschichte völlig neue Möglichkeiten im weiteren Verlauf des MCU's.
7.5/10Mehr anzeigen


thomasmarkus

vor 7 Tagen

Ein Höllenritt durch die Geschichte, gewürzt mit einem Konglomerat ("abendländischer") Mythen. Rückblenden über Jahrhunderte lassen eintauchen in die Historie; über Tage in die Psychologie. Gibt, vor allem gegen Schluss, überraschende Wendungen.
Wie ist der "Schöpfer" zu deuten? Als Demiurg, der die 'böse' Materie erschafft? Teils. Gleichzeitig symbolisiert er so was wie eine gesichtslose Evolution, Leben, das Leben schafft und zerstört. Dass er am Schluss verspricht, zum 'Richter' zu werden, widerspricht allerdings der 'klassischen' Gnosis - trotz allem Dualismus. Spannend, dass der Dualismus aufgebrochen wird, gibt nicht einfach gut vs bös. Gar verlagert ins Innere.
Frage: Können wir Irdischen nicht damit leben, dass wir ohne fremde Hilfe, ohne Ausserirdische, selber für unserer Welt schauen?Mehr anzeigen


Patrick

vor 14 Tagen

Cooler & Spannender Anfang sowie ein spektakuläres Finale.Aber der Rest des Filmes ist zu überladen und unendlich in die Länge gezogen.Fazit:Weniger ist definitiv mehr und nach 3 Stunden im Kino ist man gleich weit wie am Anfang.

Zuletzt geändert vor 14 Tagen


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