CH.FILM

Body of Truth Deutschland, Israel, Schweiz 2019 – 92min.

Filmkritik

Die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Evelyn Schels befasst sich in ihrem Dokumentarfilm Body of Truth mit vier sehr unterschiedlichen Künstlerinnen: Marina Abramovic, Shirin Neshat, Sigalit Landau und Katharina Sieverding. Gemein ist ihnen eine Meinung, eine Weltsicht, die nicht zwangsläufig wahr ist, aber als innere Wahrheit gelten kann. Dass der Geist sich täuschen kann, der Körper die Wahrheit aber immer spüren wird. Das versucht Schels, in Porträts herauszuarbeiten. Das Werk leidet jedoch etwas darunter, dass die Künstlerinnen in sehr unterschiedlichen Künsten unterwegs sind und die Zusammenhänge leicht verschwimmen. Schels will aber herausarbeiten, dass es traumatische Ereignisse der Vergangenheit sind, die sie antreiben.

Body of Truth ist ein dokumentarisches Porträt, nicht nur einer Person, sondern gleich von vier Künstlerinnen, deren Arbeiten von einer körperlichen Erfahrung geprägt sind. Dabei sind es lebensverändernde Ereignisse der Vergangenheit, die dem künstlerischen Wirken der Gegenwart immer noch Antrieb sind. So erfährt man etwa von der iranischen Künstlerin Shirin Neshat, wie sie vor der Revolution im Iran in die USA zum Studieren ging und nach ihrer Rückkehr die Heimat praktisch nicht wiedererkannte. Das sind biographische Brüche, die in die Kunst dieser Frauen hineinwirken.

Parallel werden die Geschichten dieser vier Frauen erzählt, beginnend bei der Kindheit, über die Jugend, bis hin zur Gegenwart. Das geschieht mit Interviewpassagen, aber auch Archivmaterial und der geschaffenen Kunst, die – in die richtige Reihenfolge bugsiert – eine Korrelation zum gerade Erzählten darstellt. Die Struktur ist etwas episodisch, der lineare Ansatz etwas altbacken. Gemein ist dem Wirken dieser Frauen, dass sie sich mit Verletzungen auseinandersetzen. Den körperlichen, wie jenen, die sich Marina Abramovic auf der Bühne mit einer Rasierklinge selbst beibringt, vor allem aber den seelischen, die Narben hinterlassen, die man nicht sehen kann. Man muss sie durch die Kunst kanalisieren, um sie sichtbar werden zu lassen.

Schels These des Körpers als einzig Wahrhaftigem wird der Film nicht gerecht, weil er den Zusammenhang von Körper und Geist auszublenden versucht. Er postuliert vielmehr, dass sich der Körper einer Wahrhaftigkeit nicht entziehen kann, während der Geist sehr wohl zur Selbstverleugnung fähig ist. Die strikte Trennung erscheint jedoch dogmatisch und wird von dem, was hier geboten ist, nicht wirklich getragen. Man hat eher den Eindruck, hier hätte jemand mit Biegen und Brechen einer These Form verleihen und ihr Wahrhaftigkeit anheften wollen, wo Zweifel und Ambivalenz eher angebracht wären. Das macht Body of Truth letztlich zu einer zweifelhaften Angelegenheit, auch wenn der Film durchaus Reiz besitzt – und sei es nur, weil er die Diskussion anregt.

30.11.2020

3

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