True Mothers Japan 2020 – 140min.

Filmkritik

Ein Kind für zwei Mütter

Sven Papaux
Filmkritik: Sven Papaux

Naomi Kawase kehrt mit ihrem Talent und ihrem Feingefühl zu ihrer bezaubernden Kamera zurück. Die 52-jährige Regisseurin, die regelmässig an der Cannes Fortnight teilnimmt, kehrt mit «True Mothers» in ihren Overall zurück und beschwört stilles Leid herauf.

Satoko (Hiromi Nagasaku) und ihr Mann Kiyokazu (Arata Iura) sind für immer mit Hikari (Aju Makita) verbunden. Das 14-jährige Mädchen wird versehentlich schwanger und bringt den kleinen Asato zur Welt, den das Paar adoptiert. Die neue Familie führt ein glückliches Leben in Tokio, bis Hikari eines Tages beschließt, ihren Sohn wiederzusehen und es zu einer zufälligen Begegnung kommt.

Als grosse Kennerin von Aufnahmen, die von der Sonne gewiegt und von weichem Licht berührt werden, ist es Naomi Kawase gelungen, eine ebenso schöne wie zarte Filmografie zu schaffen. Ihre letzten 3 Filme sind von der Leichtigkeit der Elemente geprägt, in denen unsere Sinne verwöhnt werden. Wir erinnern uns an «Tokyo Delights», das einen treffenden Namen trug, oder an die herzzerreissende Geschichte von «Into the Light». Der Regisseur spricht über das Vernachlässigte, geht auf die vielen Details ein, die uns umgeben. «True Mothers» ist da keine Ausnahme, denn es weidet sich weiterhin an der menschlichen Natur in ihrer schönsten Form. In ihrem neuen Film setzt die Filmemacherin ihre akribische Arbeit fort. Einfache Berührungen unterstreichen die dunklen und hellen Seiten des menschlichen Wesens. Naomi Kawase wünscht sich vor allem, die Schönste der Menschen zu sehen.

Das Drehbuch, das auf dem Papier geschmacklos erscheinen mag, macht Platz für einige absolut herzzerreissende Sequenzen. Die Geschichte, die aus drei Akten besteht, bietet Rückblenden, in denen die Adoption vorgestellt, ihre Gründe erläutert und die ungewollte Schwangerschaft erklärt werden. Dank ihrer Genauigkeit malt die Regisseurin Porträts, die sehr zurückhaltend sind. Ihre grosse Stärke: Sie urteilt nie und beschreibt auf subtile Weise diese durch unerfüllte Versprechen gebrochene Naivität. Hikari ist das erste Opfer. Die Schande, die ihr von ihrer Familie auferlegt wurde, verursacht ihr langsame Qualen. Ihr letzter wirklicher Anker ist die Adoptionsagentur «Baby Baton», wo sie vor der Geburt des kleinen Asato bleibt. Entwurzelt und orientierungslos, wie die jungen Frauen, die sie dort treffen wird. Diese jungen Frauen sind in einer ähnlichen Situation, hin- und hergerissen zwischen ihrem Mutterinstinkt und ihrer Zukunft. Bei so viel Authentizität wirkt der Film wie ein Dokumentarfilm.

In den Windungen dieser Probleme und gebrochenen Leben strahlt «True Mothers» eine tiefe Sensibilität aus, um einen Film zu halten, der vielleicht eine kürzere und rigorosere Behandlung verdient hätte. Trotz einer manchmal übermässig melodramatischen Note schafft es Naomi Kawase dank ihrer Genauigkeit, die aus sensiblen und geschmackvollen Berührungen besteht, ziemlich massvoll zu bleiben.

02.11.2021

3.5

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 2 Tagen

Am Anfang schon eine wichtige Lektion: Zweimal putzt sich Asato die Zähne, in der zweiten Szene ist er jünger:
Der Film springt also unmerklich vor und zurück – so schön, ruhig die Bilder, oft changierend in der Schärfeeinstellung, so unruhig muss der Geist mitdenken: Wo sind wir jetzt in der Geschichte, welcher Faden wird wieder aufgenommen...?
Wir verfolgen die Handlungsstränge, aus der Perspektive der je einzelnen Personen; anfangs scheinen die Sympathien klar, nach dem Perspektivenwechsel können wir auch die andere Seite plötzlich verstehen. Es kommt zu einer Art japanischem 'kaukasischen Kreidekreis'. Am Endt hat Asato zwei true Mothers. Tröstlich wie sanften Bilder.Mehr anzeigen

thomasmarkus

vor 2 Tagen

PS: Ist eine Literaturverfilmung. Im Japansichen gibts es ein Wort für das Sonnenlicht, das durch die Baumblätter scheint: Komorebi.
Sprache färbt auch auf Filmsprache ab.


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