Gaza mon amour Frankreich, Deutschland, Palästina, Portugal, Katar 2020 – 87min.

Filmkritik

Fischer sucht Frau

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Romantische Komödie mal anders: In ihrem zweiten Spielfilm verbinden die Zwillingsbrüder Arab und Tarzan Nasser eine Liebesgeschichte mit absurden Einlagen und einem Blick auf das von wirtschaftlicher Not und Verunsicherung geprägte Leben im Gaza-Streifen.

Auch im fortgeschrittenen Alter können die Gefühle noch spriessen. Allerdings weiss der 60-Jährige Fischer Issa (herrlich knorrig: Salim Dau) nicht, wie er seine Empfindungen für die verwitwete Schneiderin Siham (Hiam Abbass) überzeugend vorbringen soll. Während seine Schwester (Ruala Adb Elhadi) dem Junggesellen ungefragt heiratswillige Damen vorführt, nähert er sich seiner Angebeteten auf verdruckste Weise an. Aufregung kommt in Issas eigentlich beschaulichen Alltag, als er auf einer seiner Fangtouren eine Statue des griechischen Gottes Apollo aus dem Wasser zieht, die mit einem erigierten Penis ausgestattet ist. Heimlich befördert er den ungewöhnlichen Fund nach Hause, wo jedoch beim Hin- und Herschieben das hervorstehenden Glied abbricht. Nur wenig später bringt ihn die Figur in Konflikt mit den Behörden.

«Gaza mon amour» mag in ausgewaschene Farben getaucht sein und den Handlungsschauplatz häufig von seiner tristen Seite zeigen. Wie ein bleiern schweres Sozialdrama fühlt sich der 2020 in Venedig uraufgeführte Film aber zu keinem Zeitpunkt an. Immer wieder lenken die auch für das Drehbuch verantwortlichen Nasser-Brüder den Blick auf die Verschrobenheit ihres Protagonisten und die absurden Aspekte seiner Erfahrungen. Hier und da muss zwar ein plakativer Witz herhalten. Wie Issa, ohne es zu wollen, in die Fänge der Sittenwächter gerät, wird allerdings recht amüsant erzählt. Wenig verwunderlich wirken seine sich zu moralischen Gralshütern aufplusternden Widersacher reichlich lächerlich.

Ist man es aus dem Genre der romantischen Komödie gewohnt, dass die Annäherung zwischen den Hauptfiguren einer Achterbahnfahrt gleicht, geht es in «Gaza mon amour» erst einmal nur bergab. Issas Kontaktversuche scheitern zunächst auf ganzer Linie. Nebenbei vermittelt der Film dem Publikum auch einen Eindruck davon, wie sich das Leben im von Israel besetzten Gaza-Streifen anfühlt. Regelmässig wird die Region von Raketenangriffen erschüttert. Armut ist ein grosses Thema. Und nicht wenige Menschen fragen sich verunsichert, was die Zukunft bringen wird. Die Existenzängste bündeln die Regisseure in der Figur eines Mannes, mit dem sich Issa mehrfach unterhält. Anders als der Fischer, der glaubt, sein Schicksal liege in der Heimat, will sein Gesprächspartner nach Europa gehen, um dort mit seiner Familie in einer geschützten Umgebung neu anzufangen. Ernste Töne wie diese verbinden sich mit den heiteren Elementen zu einer Genremischung mit eigenwilligem Charme.

23.09.2021

3.5

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