Woman Frankreich 2019 – 114min.

Filmkritik

Die Befindlichkeit der einen Hälfte der Menschheit

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Der französische Fotograf und Filmemacher Yann Arthus-Bertrand (Human) und die ukrainische Journalistin Anastasia Mikova forschen in ihrer Patchwork-Doku dem Bild der Frau und der Bedeutung des Frauseins im 21. Jahrhundert nach.



Was man sieht: Aufnahmen von über 2000 Frauen aus über 50 Ländern. Es sind Frauen jeden Alters. Junge Frauen, zum Teil Mädchen noch. Frauen, die Mitten im Leben stehen. Ältere und alte Frauen, Greisinnen, in deren Gesichtern das Leben seine Spuren gegraben hat. Die meisten dieser Frauen schauen, im Porträt fotografiert, ruhig in die Kamera. Einige lachen: glücklich, freudig, freundlich, manche schüchtern. In den Gesichtern dritter spiegeln sich Emotionen. Es sind durchs Band faszinierend lebendige Bilder. Sprechende Bilder sozusagen, obwohl die meisten der Frauen, die Yann Arthus-Bertrand und Anastasia Mikova vor die Kamera baten, schweigen.

Einige der Porträtierten aber reden. Sie erzählen aus ihren Leben und von ihrer Befindlichkeit. Von dem, was sie glücklich und was sie traurig macht. Von Erreichtem und von Erlittenem. Von Mutterschaft, Liebe, Familie. Von sozialem Engagement und beruflichem Werdegang. Vom Verhältnis zum eigenen Körper, von Sexualität, Menstruation, Orgasmen. Von weiblicher Macht und Emanzipation. Aber auch: von Krankheit, Gewalt, Zwangsheirat, Vergewaltigung, Verstümmelung. Von Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Ungleichheit.

Die Redezeit der einzelnen Frauen ist knapp. Der Bogen, den Woman thematisch lose gegliedert spannt, ist vielfältig und weit. Armand Amars minimalistischer Soundtrack, ergänzt mit zwei von der Französin Imany mit wunderschön dunkler Stimme interpretierten Songs, geben dem Film Halt. Auf den ersten Blick zieht Woman denn auch sogartig in Bann.

Doch obwohl jede Frau, jedes Schicksal einzigartig sind, hat man je länger je mehr den Eindruck, eine bebilderte Liste mit Schlagworten zur weiblichen Befindlichkeit im 21. Jahrhundert präsentiert zu bekommen. Das mag daran liegen, dass Arthus-Bertrand und Mikova, wie sie in Interviews verrieten, ihren Protagonistinnen nicht gezielte Statements abverlangten, sondern mit emotionalen Höhepunkten aus je zwei- bis dreistündigen Interviews arbeiteten. Somit besteht Woman de facto aus einer Reihung von Momenten intimster Entäusserung und verliert in der dadurch erreichten permanenten Übersteigerung bedauerlicherweise zunehmend an Relevanz.

05.06.2020

3.5

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Kommentare

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andreas.g

vor 22 Tagen

Geht so!


derbene

vor 28 Tagen

Schwach!


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