CH.FILM

Thiel le rouge Schweiz 2019 – 86min.

Filmkritik

Der Schweizer Kommunist

Filmkritik: Teresa Vena

Reynold Thiel war ein gebürtiger Neuenburger. Die Schweiz, so scheint es, war ihm aber als intellektuelles und politisches Bewegungsfeld schon früh zu eng. Erst zog er als Pianist und Künstler in die Welt, schliesslich wurde er zum Soldaten und Kämpfer für den Kommunismus. Als Wegbegleiter hatte er von Anfang an den Lausanner Arzt François Jaeggi, der sein idealistisches Gedankengut weitgehend teilte. Gemeinsam kämpften sie im Spanischen Bürgerkrieg, waren in Frankreich im Widerstand gegen die Nationalsozialisten und führten während des Kalten Krieges eine Firma, die den Ostblock, trotz offiziellem Embargo des Westens, mit wirtschaftlichen Gütern versorgte. Die beiden Männer waren auch privat unzertrennlich bis zum Einmarsch der Sowjetunion in Ungarn (1956), was bei Jaeggi zum Bruch mit der kommunistischen Partei führte und schliesslich die Entfremdung von Thiel bedeutete.

Während Reynold Thiel von der Polizei ein Leben lang observiert wurde, was man in umfangreichen Akten in der Schweiz wie auch im Ausland dokumentiert findet, rückte er erst nach seinem Tod ins öffentliche Bewusstsein. Als 1963 ein Swissair-Flugzeug kurz nach dem Start in Kloten in der Ortschaft Dürrenasch abstürzte, war Thiel unter den Opfern. Doch eine umfangreiche Aufarbeitung seines politischen Wirkens fand noch später statt und mündete schliesslich in der Artikelreihe von Alain Campiotti, die 2009 im «Le Temps» veröffentlicht wurde.

Danielle Jaeggi, die sowohl Regisseurin des Films als auch Tochter von François Jaeggi ist, gibt an, selbst erst durch Campiottis Arbeit den nötigen Anstoss erhalten zu haben, in diesem Film nicht nur vom Leben Thiels, sondern auch von der Freundschaft zwischen ihm und ihrem Vater zu erzählen und letztendlich sowohl ein Stück ihrer eigenen Familiengeschichte als auch die der Schweiz abzubilden.

Campiotti ist neben der ehemaligen Sekretärin von Jaeggi und Thiel sowie dem Polizeibeamten, der Thiel in der Schweiz beschattete, einer der wenigen direkten Gesprächspartner, die Danielle Jaeggi zur Verfügung standen. Polizist Jacquemet gibt sich zugeknöpft, und auch die Sekretärin weiss nur wenig Konkretes zu berichten. Hauptsächlich schöpft daher Danielle Jaeggi ihren Stoff aus den besagten Polizeiakten, aber auch aus dem Briefwechsel zwischen Thiel und Jaeggi sowie Tagebucheinträgen Jaeggis. Da, abgesehen von einzelnen Fotografien, weitgehend Originalbildmaterial fehlt, das die Regisseurin den Worten unterlegen hätte können, nutzt sie umfangreiches stellvertretendes Material. Sie komponiert damit ein äusserst dichtes Werk, das fast lückenlos die Zeit zwischen den 1930er bis 1960er Jahren dokumentiert.

An manchen Stellen schleicht sich in die Ausführlichkeit eine gewisse Trockenheit, die Geschichtsstunden in der Schule haben konnten. Doch insgesamt gelingt Jaeggi der Spagat zwischen persönlicher Betroffenheit und allgemeiner Relevanz des Themas, auch wenn, unterstützt durch die Wahl einer eher mädchenhaften Erzählerstimme, ein gewisses Gefühl des Aufsehens zu ihren Protagonisten auffällt. Was die politische Haltung der Autorin betrifft, spürt man eine gewisse Unsicherheit sich explizit positionieren zu wollen – vielleicht ist aber auch nicht notwendig.

14.01.2022

3

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