The Kindness of Strangers 2019 – 112min.

The Kindness of Strangers

Filmkritik

Die Wunden von Manhattan

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Mit Italienisch für Anfänger gelang der dänischen Regisseurin Lone Scherfig der internationale Durchbruch. Die Tragikomödie wurde auf der Berlinale 2001 mit dem Preis der Jury ausgezeichnet – damals war es das letzte Festival des damaligen Leiters Moritz van Hadeln. Jetzt, im letzten Jahr von Dieter Kosslick, eröffnete Lone Scherfigs neuer Film The Kindness of Strangers die Internationalen Filmfestspiele von Berlin.

Im Mittelpunkt steht die junge Mutter Clara, die mit ihren Söhnen Anthony und Jude aus Angst vor ihrem gewalttätigen Ehemann Richard in New York untertaucht. Ohne Geld und Ziel versuchen sie sich dort vor ihm zu verstecken und sich irgendwie durchzuschlagen. Denn weil Richard Polizist ist, kann sie sich keine offizielle Hilfe holen. Und so ist sie auf die Unterstützung von Fremden angewiesen – die ihr glücklicherweise immer wieder zum richtigen Moment über den Weg laufen.

The Kindness of Strangers wirkt auf den ersten Blick wie eine soziale Tragikomödie, entwickelt sich aber rasch zu einem modernen, romantischen Grossstadtmärchen. Denn auch wenn der Ausgangspunkt düster ist, wirklich bedrohlich ist die Situation von Clara nie. Immer wieder gibt es einen Anflug von schicksalhafter Fügung und schmusewarmem Humor. New York ist hier weder dreckig noch gefährlich: In einem exzentrischen russischen Edelrestaurant, in dem niemand kochen kann, schläft Clara mit den Kids unter dem Klavier, in einer Suppenküche für Obdachlose bekommt sie warmes Essen.

Eigentlich der ideale Ausgangspunkt für eine Erzählung über Mitmenschlichkeit, aber es gibt leider ein schwerwiegendes Problem: Denn in diesem leicht kitschigen Kosmos werden die Emotionen nur behauptet. Statt grosser Gefühle dominiert hier lediglich der Pathos des Streichorchesters, das permanent Emotionalität suggeriert. Und auch den Figuren fehlt es durchgehend an Tiefe. Zwar hat Scherfig versucht, ihnen besondere oder skurrile Wesenszüge auf den Leib zu schreiben, aber die Drehbuchideen erwachen auf der Leinwand nicht zum Leben, ihre Protagonisten bleiben eindimensional. So ist das Potential des Filmes zwar zu erahnen, aber der emotionale Befreiungstrip plätschert lediglich dahin. Entweder hätte das Märchenhafte viel mehr betonen oder verstärkt auf eine emotionale Dringlichkeit setzen sollen, aber so kommt The Kindness of Strangers unentschlossen und mutlos daher.

12.07.2019

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