Systemsprenger Deutschland 2019 – 118min.

Systemsprenger

Filmkritik

Dabei will Benni doch nur, dass man sie liebt

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Nora Fingscheidt erzählt von einer aggressiven Neunjährigen, die durch alle Netze der Jugendhilfe fällt.

Wenn Benni austickt, sieht sie pink. Super-grell-wild- flackerndes und flimmerndes Pink, unterlegt von hartem Punk; zumindest ist es das, was Nora Fingscheidt dem Zuschauer jeweils zeigt. Und sie tickt immer wieder aus, diese Benni. Aus dem Nichts heraus und aus den nichtigsten Gründen; wird es schlimm, wird Benni abgeholt und stillgestellt. Ab und zu wird sie untersucht, doch eine Diagnose gibt es nicht. Ihr provokativ-aggressive Verhalten ist bloss einer der Puzzlesteine, die Benni zu dem machen, was die deutsche Behörde als „Systemsprenger“ bezeichnet: Kinder und Jugendliche, die durch die sozialen Netzwerke fallen.

Benni hat denn auch alles schon gesehen: Notschlafstellen, Heime, Pflegefamilien, Kliniken. Doch sie bleibt nirgendwo lange. Wo man sie nicht rausschmeisst, läuft sie früher oder später davon. Dabei sehnt sie sich nach nichts mehr als einem Zuhause; am liebsten wäre sie wie früher bei ihrer Mutter und ihren Geschwistern. Doch die labile Mutter weiss nicht umzugehen mit ihrer Erstgeborenen, die ihr am Telefon selber gereimte Lieder vorsingt, aber eben auch schamlos eine Handtasche klaut.

Fingscheidt erzählt weniger, als dass sie schildert. Die Zu- und Umstände, die Benni immer wieder anecken lassen. Ihre Befindlichkeit. Ihr Verhalten. Die Überforderung ihrer Umgebung, auch der Menschen, die es gut mit ihr meinen: der freundlichen Betreuerin vom Jugendamt, der wohlmeinend-weltfremden Ärztin, welche Kinder wie Benni zur Beruhigung gern nach Kenia schickt.

Einige Wochen vor ihrem zehnten Geburtstag bekommt Benni einen neuen Schulbegleiter. Micha war selber ein schwieriger Jugendlicher und zieht mit ihr für drei Wochen in eine Hütte in der Lüneburger Heide, wo es keinen Strom, keinen Computer, keinen TV und Handy nur zur Not gibt, dafür aber Natur, Eulen, Milch vom Bauern und Holz zum Hacken. Micha macht alles richtig. Doch auch er kann, beziehungsweise darf für Benni nicht werden, was sie bei ihm sucht: ein Vertrauter und Vater.

Systemsprenger, low budget gedreht, ist mitreissend, schnell, wirr, laut. Anstrengend anzuschauen und zugleich herzzerreissend. Nicht nur, weil Fingscheidt die unglaubliche Energie und das Chaos, die Benni umgeben, in explosiver Filmsprache umzusetzen versteht, sondern vor allem, weil Helena Zengel Benni so hemmungslos entfesselt, wie zugleich ungemein fragil und zart-sensibel spielt, dass man als Zuschauer nicht anders kann, als sie auf der Stelle ins Herz zu schliessen.

03.10.2019

4.5

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Kommentare

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formel1

vor 4 Tagen

Ein spannender Film, welcher von guten Schauspieler/Innen gespielt wird. Anlässlich des Zurich Film Festivals gab es sehr langen Applaus für den Film. Der Film muss man gesehen haben.


tomhorn

vor 7 Tagen

Ein unglaublich starker Film, in erster Linie durch die schauspielerische Höchstleistung – nicht nur der hervorragenden Hauptfigur «Benni». Auch die Umsetzung bewirkt, dass man innert kürzester Zeit zwischen Wut und Tränen der Rührung hin- und herkippt. Für mich wieder ein klares Zeichen, wie stark einem gerade die ersten Jahre des Aufwachsens prägen und wie wichtig die Erziehung eines Kindes ist. Was dort verkachelt wird, wirkt sich später umso verheerender aus. Dem sollten sich alle werdenden Eltern bewusst sein. Der Film bleibt einem extrem im Kopf haften. Auch wenn es ab und zu weh tut, es lohnt sich unbedingt, ihn anzuschauen.Mehr anzeigen


meret_surber

vor 14 Tagen

Ein echtes „must-watch“. 2 Stunden mitfiebern. Ein Film der Herz und Hirn berührt. Nebenbei mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung von einer 9 Jährigen. Habe lange nicht mehr so einen guten Film gesehen. Hut ab vor Nora Fingscheidt!


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