Skin USA 2018 – 120min.

Skin

Filmkritik

Fürs Leben gebrandmarkt

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

24 schmerzhafte Operationen während 2 Jahren waren nötig, um jegliche Tattoos von Bryon Widners Gesicht zu entfernen. Der ehemalige Neonazi und Anhänger einer White-Supremacy-Organisation hat es geschafft, aus der Szene auszutreten – der israelische Filmemacher Guy Nattiv hat seine Geschichte nun im Drama Skin verfilmt.

Bryon Widner (Jamie Bell) ist durch und durch ein Anhänger der White-Supremacy-Ideologie: Nicht nur nimmt er mit Elan an den häufig illegalen Aktionen der von seinen Stiefeltern Shareen (Vera Farmiga) und Fred (Bill Camp) geleiteten und von nordischer Mythologie und nationalsozialistischem Gedankengut geprägten Organisation teil, er trägt die rechte Denkweise auch mit seinen Tattoos nach Aussen, die sogar sein Gesicht überziehen. An einer Kundgebung lernt er die dreifache Mutter Julie (Danielle MacDonald) kennen, die ihre Töchter für einen dringend benötigten finanziellen Zustupf dort ihre Gesangskünste zum Besten geben lässt, der Szene aber eigentlich schon längst den Rücken zugekehrt hat.

Bryon zeigt sich fasziniert von der alleinerziehenden Mutter und denkt zum ersten Mal in seinem Leben ernsthaft über einen Ausstieg nach – wobei ihn seine rechte „Familie“ auf keinen Fall so einfach gehen lassen würde. Über weite Strecken erzählt Guy Nattiv mit dem Drama Skin, das im Herbst 2018 am Toronto Film Festival seine Premiere feierte, diesen Ausstieg, der schwieriger nicht sein könnte – vom emotionalen Druck der eingeschweissten Gruppe über physische Drohungen hin zu effektiven Taten, welche die Organisation unter der Leitung seines Stiefvaters Fred folgen lässt. Zwischendurch sieht man Jamie Bell, der den Aussteiger Bryon Widner verkörpert, während seinen zahlreichen Sitzungen zur Entfernung seiner Gesichts-Tattoos. Diese ist nötig, um dem ehemaligen Neonazi einen Start in ein normales Leben ohne sofortige Brandmarkung zu ermöglichen. Dass es das Drama an gewissen Stellen tatsächlich schafft, unter die Haut zu gehen, ist vornehmlich dem durch Billy Elliott bekannt gewordenen Briten zu verdanken, der eine eindringliche und emotionale Darstellung seiner Figur hinlegt.

Trotz einer bemerkenswerten Leistung seines Hauptdarstellers schafft es Skin jedoch nie, die Gedankengänge eines Rechtsradikalen plausibel und für den Zuschauer nachvollziehbar darzulegen. So hätte man gerne mehr über Bryons verkorkste Kindheit erfahren, oder gesehen, wie es dazu gekommen ist, dass der junge Mann mit einer solchen Ideologie geliebäugelt hat. Eine etwas plakativ geratene Nebenstory rund um ein neues Mitglied, bestehend aus einem Teenager, der sich mit einer warmen Mahlzeit und wohl auch der Aussicht auf eine Ersatzfamilie rekrutieren liess, bietet hier ebenfalls keine Abhilfe. Auch wie es zu Bryons Sinneswandel kommt, der ihn dazu veranlasst hat, all die Risiken eines Ausstiegs in Kauf zu nehmen, kommt im ebenfalls von Guy Nattiv zu verantwortenden Drehbuch zu kurz. So bleibt dem Zuschauer ein tiefer Einblick in die rechtsradikale Szene verwehrt – eindrücklich bleibt Skin dank seinem äusserst überzeugenden Protagonisten nichtsdestotrotz, und die zugrundeliegende Geschichte ist es allemal wert, auf der grossen Leinwand erzählt zu werden.



24.07.2019

3.5

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Kommentare

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nick74

vor 23 Tagen

Hat mir sehr gut gefallen. Eindrückliche Geschichte, super Hauptdarsteller.


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