CH.FILM

Schwesterlein Deutschland, Schweiz 2020 – 99min.

Filmkritik

Familienbande

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Die Berlinale ist so etwas wie ein grosses Familientreffen: Einmal im Jahr kommt man aus der ganzen Welt zusammen, freut sich über ein Wiedersehen mit vertrauten Gesichtern, ist gesellig, trinkt zu viel, und der komische Onkel mit seinen ewig gleichen Geschichten ist auch wieder da. Ja, die Filmwelt ist eine grosse Familie. Und um Familie und Wahlverwandtschaft geht es auch im Schweizer Wettbewerbsbeitrag Schwesterlein.

Blut ist dicker als Wasser, sagt man. Mit dieser Redewendung startet auch Schwesterlein des Regisseurinnen-Duos Stéphanie Chuat und Véronique Reymond. In Lisas (Nina Hoss) Arm steckt eine Kanüle, langsam sickert ihr Blut durch den transparenten Schlauch. Sie spendet wieder Blut für ihren an Leukämie erkrankten Bruder Sven (Lars Eidinger). Seit ihrer Knochenmarkspende geht es ihm tatsächlich besser, nach Monaten im Hospital wird er wieder entlassen.

Die Hoffnung, endlich wieder auf der Bühne zu stehen, ist für Sven, Star der Berliner Schaubühne, der grösste Antrieb im Kampf gegen die Krankheit. Doch sein Regisseur ist unsicher, ob er die extrem körperliche Hamlet-Inszenierung überhaupt durchhält. Um die Genesung zu beschleunigen, reisen die Geschwister gemeinsam in die Schweiz. Doch trotz klarer Bergluft verschlechtert sich Svens Zustand zunehmend – und Lisa schwankt immer mehr zwischen Hoffnung und Abschied…

Schwesterlein ist ein klassischer Schauspieler-Film, vor allem Nina Hoss und Lars Eidinger brillieren hier als inniges Geschwister-Paar. Und es ist ein Film über das Theater, ein Spiel mit der Wirklichkeit. Nina und Lars: Lisa und Sven – nicht nur in den Namen werden die Parallelen zur Realität deutlich. Eidinger ist seit Jahren der Star der Berliner Schaubühne, sein Hamlet dort ein Dauerbrenner. In Schwesterlein bleibt nur die Erinnerung an seinen Berseker-Hamlet, sein Regisseur David (gespielt vom realen Hamlet-Regisseur und Künstlerischem Leiter der Schaubühne Thomas Ostermeier) muss sich entscheiden, ob die Inszenierung ohne ihn funktioniert.

Eine Frage, die zugleich Eidingers reale Relevanz für das Theater betont. Aber glücklicherweise ist es kein verklausuliertes Porträt über die Schaubühne geworden, denn trotz des Spiels mit den Realitätsebenen verliert der Film sich nicht in akademisch-verschwurbeltem Meta-Geschwafel, sondern bleibt nah bei seinen Figuren. Und die sind Theater-Menschen, Bühnentiere, Kulturschaffende, Kunstliebhaber. Aber vor allem sind sie eine Familie.

Chuat und Reymond lassen ihren Figuren (oder besser gesagt ihren SchauspielerInnen) viel Raum, sich zu entfalten, statt komplexer Handlung konzentriert sich der Film auf die emotionale Ebene der Figuren, die von Hoss und Eidinger in Höchstleistung bravourös durchexerziert wird. Und eben diese spürbare Kraft der Kunst, das Feiern der Kultur als Lebenselixier, macht Schwesterlein zu einem grossartigen Schauspielfilm, der mit seiner stillen Unaufgeregtheit zu bewegen weiss.

27.02.2020

4

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