CH.FILM

Plötzlich Heimweh Schweiz 2019 – 79min.

Plötzlich Heimweh

Filmkritik

Eine Heimat in der Fremde

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Die 2006 ins Appenzellische Urnäsch gezogene Chinesin Yu Hao spürt in ihrem ersten Kinofilm in betörend schönen Bildern ihrem Heimisch-Werden in der Fremde nach.

Heimat sei da, wo man eine Vergangenheit und eine Familie habe, sagt man für gemeinhin. Doch für moderne Nomaden wie die Chinesin Yu Hao, die schon als Kind mit ihrer Familie mehrmals umzog und erwachsen im Auftrag des staatlichen Fernsehens jahrelang um die Welt reiste, definiert sich Heimat anders. Weniger ortsgebunden als vielmehr durch Freundschaften und Beziehungen.

Doch 2002 reist Yu Hao für eine Reportage zum ersten Mal in die Schweiz. Die hügelige Landschaft des Appenzells und die bunten Fassaden der traditionellen Bauernhäuser mit ihren winzigen Fenstern wecken ihre Neugierde ebenso wie die bedächtige Lebensweise deren Bewohner. 2005 reist sie erneut in die Schweiz. Wieder hat sie, der Sprache nicht mächtig, ihre Kamera und ihr Team als Vermittler dabei. Dieses Mal allerdings verliebt sie sich in Ernst Hohl, den sie während ihrer ersten Reise bereits kennengelernt hatte, und der sie dieses Mal bei den Recherchen begleitet.

2006 beschliesst Yu Hao ihrer Liebe zu folgen und nach Urnäsch zu ziehen. Die Kamera ist weiterhin ihre teure Begleiterin, mit deren Hilfe sie ihr neues Zuhause erkundet und mit dessen Bewohnern in Kontakt tritt. Hunderte von Stunden von Filmmaterial kommen so im Lauf von 13 Jahren zusammen. Auf denen basierend hat die inzwischen auch sprachlich im Appenzell Angekommene ihren ersten Kinofilme realisiert: eine Dokumentation ihrer eigenen Integration, ihres Ankommens in der Fremde; wobei der Titel, Plötzlich Heimweh, ein Gefühl beschreibt, das die einstige Weltenbummlerin erstmals packt, als sie 2013 ihre Freunde und Familie in Peking besucht und sich unverhofft zurück nach Urnäsch sehnt.

Sie habe sich in der Schweiz anfänglich oft wie in einem Theater gefühlt, erzählt Yu Hao in ihrem Film. In diesem Ansatz der aus der Fremde kommenden Betrachterin, die sich mit geschultem fotografischen Blick und neugierigem Staunen mit dem Brauchtum und der Tradition des Appenzells, dessen Bewohnern und deren Lebensweise auseinandersetzt, unterscheidet sich Plötzlich Heimweh wohltuend von anderen Schweizer (Integrations-)Filmen. Und wenn sich in der Regisseurin Nachdenken über die eigene Befindlichkeit die Erkenntnis schleicht, dass Heimat auch in der heute globalisierten Zeit ein Gefühl für das Sich-Zuhause-Fühlen an einem Ort und ein im Einklang mit der umgebenden Natur geführtes Leben sein können, formuliert dieser bescheiden daherkommende Film eine universelle Botschaft.

25.11.2019

4

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Kommentare

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kayenta

vor 6 Tagen

Wunderbare Bilder, Stimmungen, Menschen – ein wunderbarer Film.


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