Notre dame Frankreich 2019 – 88min.

Filmkritik

Wenn Ohrfeigen fliegen lernen

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Valérie Donzelli drapiert die französische Komödie rund um das gleichnamige, angeschlagene Wahrzeichen der französischen Hauptstadt – mit viel Skurrilität, phantastischen Elementen und einigen Querverweisen zu politischen Themen, dem Leben als moderne Frau und sozialen Missständen.

Maud (Valérie Donzelli), alleinerziehende Mutter und Architektin in Paris, gewinnt komplett unverhofft den Wettbewerb zur Neugestaltung der Promenade vor der Notre Dame. Mit dem prestigeträchtigen Auftrag tritt auch ihre Jugendliebe Bacchus (sehr charismatisch: Pierre Deladonchamps) wieder in ihr Leben, der bei ihr noch heute Schwindelanfälle verursacht. Dumm nur, dass sie sich kurz zuvor erneut auf Martian (Thomas Scimeca), den Vater ihrer zwei Kinder eingelassen hat, von dem sie schon seit längerem getrennt lebt – und dass ihre modernen architektonischen Vorstellungen bei der Pariser Bevölkerung auf wenig Begeisterung stossen...

Man könnte annehmen, dass es sich bei Notre Dame um eine weitere Komödie rund um die Leiden der Liebe handelt, die vorzugsweise in einem romantisch-verklärten Paris stattfinden. Notre Dame findet hier jedoch einen etwas anderen Zugang: Zwar ist die Komödie von und mit Valérie Donzelli ebenfalls in der Stadt der Liebe angesiedelt, was sie mit durchaus schönen Aufnahmen der für die Stadt so typischen weissen, verschnörkelten Fassaden untermauert. Die Realität ist aber alles andere als sonderlich romantisch: Auf den Strassen büscheln sich abends Flüchtlinge ihr Nachtlager zurecht, und Klimaerwärmung sei dank herrscht zu Weihnachten mildes T-Shirt-Wetter.

Diese triste Realität vermischt Donzelli, die sich zusammen mit Benjamin Charbitauch für das Drehbuch verantwortlich zeigt, mit skurrilen Elementen und phantastischen Einstreuungen. Mauds Ex läuft so zum Beispiel vorzugsweise nackt durch die Wohnung, wenn er während Unstimmigkeiten mit seiner neuen Partnerin im Burgund bei der Mutter seiner Kinder Zuflucht sucht. Auf der Strasse kann es schon mal passieren, dass sich Passanten gegenseitig Ohrfeigen verpassen. Und Mauds farbenfroher Entwurf eines Spielplatzes findet fliegend und musikalisch virtuos untermalt seinen Weg zur Bürgermeisterin der Stadt, die Maud daraufhin kurzerhand zur Gewinnerin des ausgeschriebenen Wettbewerbs für die Neugestaltung der Promenade vor der Notre Dame kürt – ein Entscheid, der sowohl die Karriere als auch das Privatleben der häufig sehr unentschlossen wirkenden Maud ins Chaos stürzt.

Aus den unterschiedlichen Stilelementen entsteht ein bunter Genre-Mix, der zwar nicht immer völlig rund daherkommt, in seinen Ansätzen aber nichtsdestotrotz vieles richtig macht. Eine leichtfüssige französische Komödie ist Notre dame nicht; dafür finden sich zu viele gesellschaftskritische und zynische Einstreuungen zwischen den Zeilen. Vergnüglich ist Notre dame aber nichtsdestotrotz – vor allem, weil die komplette Besetzung sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Und weil man vor lauter Skurrilität gespannt verfolgt, wo Mauds Reise hingeht – wenn auch diese letzten Endes nicht ganz so gross ist, wie man sich das zu Beginn vielleicht erhofft hätte.

05.06.2020

3.5

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Kommentare

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Annemarie.Ulrich

vor einem Monat

C'est pas grand-chose!


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