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My Life is a Gunshot Österreich, Ägypten, Deutschland, Norwegen, Schweiz, Grossbritannien 2019 – 90min.

My Life is a Gunshot

Filmkritik

Flüstern und Schreien

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Marcel Derek Ramsays Porträt des Soundartisten Joke Lanz handelt auch von einem Schuss, der ein Leben lang nachhallt.

Als „Noise-Künstler“ bezeichnet sich der 1965 geborene Schweizer Joke Lanz. Fragt man andere, so finden sie für den Soundartisten und seine anarchistisch-improvisierte Performance-Kunst Umschreibungen wie „Noise-Punk-Industrial-Dada“. Tatsächlich lässt sich in Worten vielleicht gar nicht umschreiben, was diesen Sound-Künstler und dessen Auftritte, die nebst ihrer irrwitzigen Geräuschhaftigkeit stets eine verausgabende Körperlichkeit kennzeichnet, einzigartig macht.

Marcel Derek Ramsay (Der Meister und Max), der Joke schon seit seiner Jugend kennt, versucht eine Annäherung in einem Film, den als „Doku-Porträt“ zu bezeichnen zu kurz greift. Dies zum einen, weil Regisseur und Protagonist so vertraut sind miteinander, dass sich in ihren Gesprächen Intimes findet, das so unverblümt kaum je den Weg auf die Leinwand findet. Dies zum anderen, weil Ramsay in der Auseinandersetzung mit dem von ihm selber Gefilmten, alten Fotos und Videoaufzeichnungen sowie Samples aus Lanz‘ Soundarchiv ein selber eigenwilliges Kunstwerk gelungen ist. Ein in der Gestaltung experimenteller Film, der auf der bildlichen Ebene in assoziativer Verspieltheit die bunte Vielfalt der Klangexpressionen seines Protagonisten spiegelt.

Ramsay hat Lanz längere Zeit begleitet. Zu Auftritten und Performances, in der Schweiz und in Deutschland, in Berlin, wo er seit einigen Jahren zu Hause ist. Nach Kairo, wo er einen Workshop gibt. In die Berge, wo er Töne sammelt: Donner, Wind, das Summen sich verschiebender Felsen und rollender Steine; nicht zu sehen, aber zu hören: eine Herde Kühe.

Und dann ist da, mit dem Sohn Céleste unternommen, ein Besuch bei der Mutter in Wohlen, wo man in Fotoalben stöbert, alter Zeiten gedenkt. Des Vaters auch, der sich das Leben nahm, als Joke ein Teenager war. Dieser Schuss, den Joke wie alle im Dorf hörte um später erst zu begreifen, dass es der Todesschuss war, hallt sein Leben lang nach. Als Warnung, nicht in die kleinliche Bürgerlichkeit zu rutschen, die den Vater erdrückte. Als Warnung aber auch, für seinen eigenen Sohn, den er sozusagen seit dessen Geburt in seine künstlerische Tätigkeit miteinbezieht, nie im Stich zu lassen. Eng verbunden sind die beiden noch heute und ab und zu treten sie, so wie gegen Ende von My Life Is a Gunshot, zusammen auf. Als Vater und Sohn, die im wilden Doppel energisch Triller pfeifen.

02.12.2019

4.5

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