Motherless Brooklyn USA 2019 – 144min.

Motherless Brooklyn

Filmkritik

Mit Hut und hochgeschlagenem Kragen

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Ein einziges Mal führte der im Kino in letzter Zeit selten anzutreffende Schauspieler Edward Norton bislang Regie. Glauben ist alles! lautete der Titel des Films, der vor 19 Jahren auf die Leinwand kam. Mit Motherless Brooklyn, einer sehr freien Adaption des gleichnamigen Romans von Jonathan Lethem, legt er nun seine zweite Arbeit vor, in der er auch gleich selbst die Hauptrolle übernahm.

Im Jahr 1957 verdingt sich der unter dem Tourette-Syndrom leidende Lionel Essrog (Edward Norton) als Assistent des gewieften Privatermittlers Frank Minna (Bruce Willis), der ihn einst aus dem Waisenheim befreit und seitdem geduldig gefördert hat. Als sein Boss eines Tages nach einem konspirativen Treffen ermordet wird, bricht für den Gehilfen eine kleine Welt zusammen. Da der Tote einer seiner wenigen echten Vertrauten war, will Lionel unbedingt die Hintergründe seines Ablebens aufklären und untersucht daher genauer den Fall, an dem Minna zuletzt gearbeitet hat. Seine Recherchen führen Essrog zu der afroamerikanischen Aktivistin Laura Rose (Gugu Mbatha-Raw), die gegen die Machenschaften der New Yorker Stadtplanung protestiert.

Nortons Adaption spielt, anders als die Vorlage, nicht im Jahr 1999, sondern in einer Zeit, die deutlich näher an der klassischen Ära des Film noir liegt. Jener düster-pessimistischen Krimiströmung im US-Kino von Anfang der 1940er- bis Ende der 1950er-Jahre. Die Leinwandversion von Motherless Brooklyn, die den Plot des Romans in umfangreichem Masse abwandelt, verneigt sich mit ihrer detailverliebten Ausstattung, ihren Voiceover-Einwürfen, ihrer manchmal vielleicht etwas zu präsenten Jazz-Untermalung, ihren vertrackten Verwicklungen und ihrer melancholischen Grundstimmung deutlich vor der sogenannten Schwarzen Serie. Selten wurde in den letzten Jahren eine altmodische Detektivgeschichte mit so viel Hingabe zum Leben erweckt.

Der von Norton feinfühlig gespielte Aussenseiter ist ein sympathischer, aber auch ungewöhnlicher Held. Seine obszönen Ausrufe und Tics nutzt der Film hier und da für skurrile Momente. Zu einer Witzfigur verkommt Lionel aber glücklicherweise nie. Vielmehr bringt das Drehbuch aus der Feder des Regisseurs ernsthaftes Interesse für die besondere Verfassung auf und bemüht sich, dem Zuschauer ein Gefühl für die turbulenten Vorgänge in Essrogs Kopf zu geben. Die Nervenkrankheit macht ihn zu einem unsicheren Menschen, der vor engen Bindungen zurückscheut. Gleichzeitig verfügt der Protagonist über eine unglaubliche Erinnerungsgabe, die ihm bei seinen Ermittlungen hilfreich sein wird.

Motherless Brooklyn läuft nach einem schwungvollen Auftakt in der ersten Stunde etwas schleppend, arbeitet nicht alle Nebenfiguren angemessen aus und wirkt am Ende ein wenig überhastet. Diese Schwächen lassen sich allerdings verkraften, weil Norton in seiner Geschichte Krimispannung überzeugend mit politischen Anklängen verbindet. Die an Roman Polanskis Neo-Noir Chinatown erinnernde Romanverfilmung handelt nicht nur von einer Mördersuche, sondern rückt auch hochaktuelle Themen wie Rassismus, Gentrifizierung und masslosen Machtmissbrauch in den Fokus. Angenehm ist, angesichts der heute im Kino oft grassierenden Hektik, dass das fast zweieinhalbstündige Ermittlerdrama immer wieder Zeit für ruhige, atmosphärische Augenblicke hat, in denen das Verhältnis einzelner Figuren – vor allem die Annäherung zwischen Lionel und Laura – stärkere Konturen annimmt.

12.12.2019

3.5

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Kommentare

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as1960

vor 23 Tagen

Wäre Edward Norton als Regisseur ähnlich brillant wie als Schauspieler, dann hätte aus "Motherless Brooklyn" etwas werden können. Ist er aber nicht. Auch in kleinen rollen grandios besetzt, wird die Detektiv-Story etwas gar langatmig erzählt, und so kann der Film eigentlich nur mit der interessanten Hauptfigur punkten. Aus den Themen wie Korruption, Machtmissbrauch und den angeschnittenen menschlichen Beziehungen hätte man viel mehr machen können.Mehr anzeigen


julianne

vor einem Monat

Heute gesehen sensationell und trotz 150 Minuten Spielzeit nie langatmig! Edward Norton grandios breathtaking Orginal Score !! Es war grossartig Bravo


flashgordon99

vor einem Monat

Für mich persönlich ein relativ guter Film, der ohne Action auskommt, dafür umso mehr von der emotionalen Bindung zur Hauptfigur lebt. Geht schon fast in Richtung einer Sozialstudie von einer Randfigur. Etwas mehr Spannung hätte ich mir beim "Film Noir" gewünscht. Bestimmt wäre eine etwas pfiffigere und düstere Geschichte möglich gewesen resp. mehr Brisanz. Irgendwie schade wegen den opulenten Bildern und dem Soundtrack.Mehr anzeigen


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