Lindenberg! Mach dein Ding Deutschland 2019 – 135min.

Filmkritik

Alles, bloss nicht klein beigeben

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Hermine Huntgeburths Biopic über die frühen Jahre des Udo Lindenberg überzeugt als grossartiger Musikfilm.

17-jährig ist Udo Lindenberg, als er 1963 seine Lehre als Koch hinschmeisst und der Band um Gerold Flasse nach Tripolis folgt, wo man in Clubs für die in der Umgebung stationierten US-Soldaten aufspielt. Lindenberg sitzt am Schlagzeug. Doch eines Nachts greift er, sich allein wähnend, zum Mikrofon. Am nächsten Abend fordert ihn der Clubbesitzer, der ihn heimlich beobachtete, vor Publikum zu singen auf. Der Auftritt gerät zum Desaster. Lindenberg verlässt das Lokal mit einer Schnapsflasche in der Hand und verbringt die Nacht allein in der Wüste.

Doch der Moment der Blamage stoppt ihn nicht, im Gegenteil. 1946 als Sohn eines Klempners im westfälischen Gronau geboren, ist Lindenberg seit seiner Kindheit überzeugt, dass er ein grosser Star wird. Er verfolgt sein Ziel ohne Plan, aber ohne davon abzurücken. Dies selbst dann, als ihm im Hamburg der späten 1960er-Jahre nicht nur seine Freunde, seine Geliebte und der Musik-Manager Mattheisen – eine herrliche Dandyrolle für Detlef Buck – dringend davon abraten, deutsche Rockmusik zu machen. Tatsächlich gelingt Lindenberg, nachdem seine erste englische LP floppte, 1971 mit „Hoch im Norden“ ein erster Hit, mit der legendären „Andrea-Doria-Tournee“ 1973 schliesslich der Durchbruch.

Hermine Huntgeburth verfolgt Lindenbergs Werdegang von den ersten Auftritten im Wohnzimmer, bei denen er seinen singenden Vater als Bub auf einem Blecheimer trommelnd begleitet, bis zu seinen ersten Erfolgen. Sie fokussiert auf wiederkehrende Themen: Lindebergs angespanntes Verhältnis zu seinem despotischen Vater. Seine zärtliche Beziehung zu Mutter Hermine (einfühlsam: Julia Jentsch), die ihren Sohn und seine traumtänzerischen Ideen soweit möglich unterstützt. Die On/Off-Freundschaft mit dem Bassisten Steffi Stephan. Nicht zu vergessen seine Geliebten und Freundinnen, die in seinen Songs auftauchen: Paula aus Sankt Pauli („Alles klar auf der Andrea Doria“), die Jugendliebe Susanne („Cello“) und Petra, das „Mädchen aus Ostberlin“.

Huntgeburth erzählt patchworkartig, mit ausgeprägtem Flair für die präzise Schilderung des Zeitkolorits: sowohl die Biederkeit der 1950er-Jahre wie auch die von der drogenberauschten Ideologie der Hippie-Bewegung und der Vorliebe für schrille Kostüme geprägte Stimmung der 1960/70er-Jahre. Getragen wird Lindenberg! Mach dein Ding von Lindenbergs Musik und der Spielfreude der Darsteller. Allen voran von Jan Bülow, der in der Rolle des schlaksigen Titelhelden zur Höchstform aufläuft.

20.01.2020

4.5

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Kommentare

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Gismo

vor 6 Tagen

Danke Udo! ❤️


thejuege

vor 8 Tagen

Antidepressiva für Augen, Ohren und Herz👍


ingo_hoehn

vor 26 Tagen

Sorry, Frau Genhart, das ist keine Filmkritik, allenfalls eine Inhaltsangabe. Aber auch die hat Fehler. Lindenberg hat nicht Koch sondern Kellner gelernt, wenn auch nur kurze Zeit. Ansonsten ein wirklich sehenswerter Film und ein Spiegel seiner Zeit. Eine sehr prägnante Antwort, die der „dandyhafte“ Musikproduzent auf die Frage Udos womit er denn sein Auto bezahlte, gegeben hat: „Mit meinem Stolz....“Mehr anzeigen


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