Le Daim Frankreich 2019 – 77min.

Le Daim

Filmkritik

Georges, 44, verrückt nach Wildleder

Lino Cassinat
Filmkritik: Lino Cassinat

Nach dem exzellenten Au poste! präsentiert Quentin Dupieux eine weitere absurde und ausgefalle Komödie mit Jean Dujardin und Adèle Haenel. Der Schauspieler spielt Georges, 44 Jahre alt, einen absoluten Durchschnittstypen, der eine nicht gerade alltägliche Besessenheit für eine Wildlederjacke entwickelt. Der Mann hat ein Projekt, ein Geschäft, dem er folgen muss…

Trotz vieler absurder Comicszenen, von denen nur Quentin Dupieux das Geheimnis kennt, bringt sich der Regisseur diesmal tatsächlich in Gefahr, den Teil seines Publikums verlieren, der noch immer heiteren Streifen wie Rubber oder Steak nachweint. Le Daim ist in der Tat knarziger als je zuvor, und Jean Dujardins natürliche Extravaganz verstärkt den Zustand der Verwirrung und des Unbehagens, den der Film mit sich bringt, wenn seine Figur angesichts einer phlegmatischen Adèle Haenel in die Irrungen und Wirrungen seines gestörten Geistes versinkt. Die beiden bilden ein Duo, das ebenso inspiriert wie unkonventionell, wenn nicht sogar offenkundig gestört ist.

Denn hier geht es wirklich um den Wahnsinn, den wahren Wahnsinn. Sowohl jener traumatische einer psychopathischen Abweichung, als auch der naivere, der uns dazu drängt, in der chronologischen Reihenfolge der Ereignisse zu Pulp Fiction zurückzukehren. Le Daim überrascht, indem er die Psyche eines Verrückten röntgt und mit Präzision seine Welterfahrung erzählt – mit einer Logik, die gleichzeitig albern und unhaltbar ist für wer auch immer normal ist. Indirekt ist es wahrscheinlich auch der Film, der die Besessenheit von Quentin Dupieux am besten zum Ausdruck bringt: Logik ist nichts als eine menschliche Konstruktion, und Realität ist nur ein vom menschlichen Verstand geordneter und wie Gummiband dehnbarer Konsens.

So "Dupieuxesk" der Film auch sein mag, Quentin Dupieux selbst ist auch seine offensichtlichste Einschränkung. Ob aus Angst, zu tief an den Abgrund zu kommen, oder aus falschem Stolz auf einen klugen kleinen Jungen – er weigert sich ständig, sein Universum wirklich ernst zu nehmen; zu bedenken, dass all dies tief im Inneren vielleicht doch kein Witz ist. Die ausschliesslich komödiantische Behandlung von Gewalt ist das frustrierendste Beispiel dafür. Während er das Unaussprechliche regelmässig mit dem Finger berührt, als hätte er Angst, sich zu verbrennen, weicht der Film zur Seite aus. Das ist frustrierend – es könnte aber eines Tages ein fabelhaftes Inferno geben, wenn Quentin Dupieux sich dazu entschliessen würde, einen Film nicht nur aus der Lust heraus zu machen, sein Publikum in eine Falle zu locken. Le Daim ist ein brilliant beunruhigender Film, wahrscheinlich der eigenwilligste und einzigartigste seines Autors, der aber ein wenig in seine eigene Falle tappt.

12.07.2019

3.5

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