Lara Deutschland 2019 – 98min.

Lara

Filmkritik

Ist das Leben nicht (doch vielleicht) schön?

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Corinna Harfouch brilliert in der Rolle einer Frau, die an ihrem 60. Geburtstag einen Tag lang durch Berlin zieht.

Ein Film, dessen Handlung einen Tag lang dauert? Jan-Ole Gersters Oh Boy (2012), in dem ein Mittzwanziger 24 Stunden durch Berlin treibt, ist solch ein Film. Aber auch Frank Capras It’s A Wonderful Life (1946), in dem am Heiligen Abend ein Engel vom Himmel steigt, um den Helden vom Selbstmord abzuhalten.

In Lara sind es kein Engel, sondern zwei Polizisten, welche die Titelheldin vom Sprung in die Tiefe bewahren. Die frühpensionierte Lara Jenkins steht am Morgen ihres 60. Geburtstages im Hemd am Fenster ihrer Berliner Hochhauswohnung. Die Polizisten haben einen Durchsuchungsbefehl für eine Nachbarswohnung und bitten Lara als Zeugin der Durchsuchung beizuwohnen. Sie tut es widerwillig. Mit versteinert Mine, die Bände spricht: Corinna Harfouch ist sensationell in diesem Film, der stark von ihrem intensiven Spiel lebt; eine ähnliche Rolle spielt Harfouch als Frau, die mit ihrem 50. Geburtstag hadert, in Giulias Verschwinden (2009).

Jan-Ole Gerster lässt sich beim Erzählen Zeit. Er schickt Lara nach der Wohnungsdurchsuchung auf eine Tour durch Berlin, die Stadt, in der sie ihr ganzes Leben verbrachte und jahrelang in der Verwaltung arbeitete. Sie hebt ihr Erspartes ab. Kauft 22 Karten für das Konzert ihres Sohnes am Abend. Ersteht in einer Boutique ein kleines Schwarzes, das sie später achtlos entsorgt. Lara begegnet im Laufe des Tages vielen Menschen. Unbekannten und ehemaligen Arbeitskollegen, die sie zum Konzert einlädt, ihrem alten und strengen Klavierlehrer, ihrem Ex-Mann, ihrer Mutter, ihrem Nachbarn, den sie vor diesem Morgen nicht kannte.

Eigentlich aber sucht sie ihren Sohn, Victor, dem sie – musikalisch selber begabt – das Klavierspiel beibrachte, so dass er heute als grosses Talent gefeiert wird. Doch Victor, der heute Abend zum ersten Mal eine eigene Komposition vorspielen wird, meidet seit einigen Monaten jeden Kontakt mit ihr. Tom Schilling spielt diesen Sohn, der vom Urteil seiner Mutter so abhängig ist, wie er es fürchtet, sehr sensibel, sehr überzeugend; in der Begegnung mit ihm wird klar, was in Laras Leben schief lief.

Dass Gerster das Konzert nicht zum Höhepunkt dieses sehr präzise beobachten, sehr feinfühligen Frauenporträts macht, ist ihm hoch anzurechnen. Ebenso, dass es ihm gelingt, für Lara, die sich oft bizarr und widerborstig verhält, neue Perspektiven zu eröffnen, ohne ihr ein sie milderndes kathartisches Erlebnis anzudichten – oder einen Engel vom Himmel steigen zu lassen.

04.11.2019

4.5

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