La belle époque Frankreich 2019 – 110min.

La belle époque

Filmkritik

Die Sache mit der Nostalgie

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Nach Monsieur et Madame Adelman inszeniert Nicolas Bedos mit einer umwerfenden Doria Tillier in einer der Hauptrollen eine Zeitreise-Komödie der etwas anderen Art, die mit ganz viel Witz und Gespür für das Älterwerden sowie die Ohnmacht gegenüber dem Fortschritt dem Reiz der Nostalgie nachspürt.

Der Misanthrop Victor (Daniel Auteuil) wird mit zunehmendem Alter immer griesgrämiger: Seinen Job als Comiczeichner würde er aufgrund des ausbleibenden Erfolgs am liebsten an den Nagel hängen, moderne Errungenschaften überfordern und sein Umfeld langweilt ihn. Als seiner Frau Marianne (Fanny Ardant) der Geduldsfaden reisst und sie ihn vor die Tür stellt, hat sein erfolgreicher Sohn (Michaël Cohen) Mitleid mit ihm – und schenkt ihm kurzerhand ein Erlebnis der etwas anderen Art: Sein Freund Antoine (Guillaume Canet) organisiert aufwendige, mit Schauspielern nachgestellte Zeitreisen in mehreren Filmstudios ausserhalb von Paris für all jene Gutbetuchten, die der Vergangenheit nachhängen.

„Wenn Sie wählen könnten, welche Zeit würden Sie nochmal erleben wollen?“ wird Victor dann auch bei einem der stocksteifen Abendessen gefragt, zu dem er zusammen mit seiner Frau geladen ist. „Die Vorzeit. Da habe ich noch mit meiner Frau geschlafen“, gibt dieser zynisch zur Antwort. Tatsächlich wünscht sich der Mann um die sechzig aber zum 16. Mai 1974 zurück; damals, als er und Marianne sich im Café «La belle époque» kennengelernt haben, als noch seine liebenswerten Eigenschaften geschätzt wurden statt der Marotten, in seinen Zwanzigern, unbeschwert und frei.

Gespielt wird die verjüngte Version der Frau, mit der er sein ganzes Leben verbracht hat, von Doria Tillier – per Knopf im Ohr erhält sie vom verbissenen Perfektionisten Antoine, mit dem sie auch privat verbandelt ist, Anweisungen zur Rekonstruktion des ersten Treffens zwischen Victor und Marianne. Und sie spielt ihre Rolle so gut, dass es nicht lange geht, bis sich für Victor die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verwischen. Das Element der Zeitsprünge sowie der Illusion von Wahrheit und Konstruktion ist dabei so clever gemacht, dass man sich als Zuschauer mehr als einmal schmunzelnd dabei ertappt, auf einen Bluff hereingefallen zu sein.

Dass La belle époque zur charmanten Zeitreise wird, dazu trägt nicht nur der bis auf die Nebenrollen exzellent gewählte Cast – Daniel Auteuil ist souverän und Doria Tillier einmal mehr bezaubernd – bei, sondern auch die Liebe fürs Detail, die sich in La belle époque von der Mise en Scène über die Frisuren und Kostüme (neben den 70er-Jahren stolpert man auch durch ein Set, auf dem Hitler gerade Befehle durchgibt) hin zu den vielen Kulissen durchzieht. Die Szenen, in denen Victor zurück in seine Jugendjahre in den 70er-Jahren reist sind in matte Farben getaucht und bringen so den Wunsch nach Nostalgie perfekt zur Geltung, der sich beim fortschrittverdrossenen Victor auftut – ein Wunsch, mit dem man sich identifizieren kann und dem sich Nicolas Bedos in seinem Film auf ambivalente Art und Weise annähert.

Einen verklärenden oder gar romantisierenden Blick hat der Film trotz aller Sehnsucht nach der Vergangenheit nicht: Dafür sorgt zum einen die Hauptfigur, mit der wir in die 70er-Jahre reisen, zum anderen die betont humorvolle Inszenierung, die dank geschliffenen Dialogen bestens funktioniert. Wünschen tut man sich, wenn man den Film nach dem Ende beschwingt verlässt, nichtsdestotrotz, dass eine solche im Filmstudio konstruierte Reise in die Vergangenheit möglich wäre. Schliesslich ist diese selten so schön wie in unserer Fantasie – oder eben in La belle époque.

26.11.2019

4

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Kommentare

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mfo

vor 2 Monaten

Super Film. Amüsant, herzlich, witzig, romantisch und vor allem gut gespielt. Für mich klar der nächste Geheimtip in Sachen Kino aus Frankreich.


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