J'accuse Frankreich, Italien 2019 – 126min.

Filmkritik

„Ich klage an“

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Die Kombination Roman Polanskiund Schriftsteller Robert Harris war schon bei The Ghostwriter erfolgreich, nachdem das Projekt zuvor, eine Verfilmung des Romans „Pompeji“, in die Binsen ging. Nun stellt Polanski sein neuestes Werk vor, das von Harris als Roman umgesetzt wurde, aber faktennah ein wichtiges Ereignis der französischen Historie erzählt.

Die Geschichte ist auch ausserhalb Frankreichs bekannt, dort aber sicherlich relevanter, was Polanski seinen erfolgreichsten Kinostart seit vielen Jahren beschert hat. In den ersten zwei Wochen wollten fast 900.000 Franzosen die gut 22 Millionen Euro teure Produktion sehen.

Am 5. Januar 1895 degradiert man den jüdischen Offizier Alfred Dreyfus wegen Hochverrats und schickt ihn auf die Teufelsinsel, um dort lebenslang einzusitzen. Zeuge der Degradierung war auch Marie-George Picquart, der wenig später zum Chef des Geheimdienstes wird und immer mehr daran zweifelt, dass Dreyfus wirklich schuldig ist. Er glaubt, dass es jemand anderes war, der den Deutschen militärische Geheimnisse verraten hat. Doch ausser ihm ist niemand an der Aufklärung interessiert – und für Picquart wird es deshalb gefährlich, weiter in dieser Sache zu ermitteln.

Die Geschichte ist akkurat erzählt, es hilft aber sicherlich, wenn man die historischen Ereignisse gut kennt. Denn vor allem zu Beginn überschlagen sich die Ereignisse etwas, und die Narrative wird durch Rückblicke noch verkompliziert. Hier hat man das Gefühl, als bekäme man nicht immer alles zu sehen, was damals historisch relevant war. Das legt sich jedoch im Verlauf, je mehr es dann darum geht, dass Oberst Georges Picquart versucht, die Verschwörung aufzudecken, deren Ziel es ist, das Ansehen der Armee zu wahren - auch wenn dafür ein Unschuldiger in Haft bleiben muss.

Jean Dujardin spielt das äusserst gut. Seine Präsenz hilft dem Film enorm. Ansonsten überzeugt J'accuse durch eine exakte Darstellung der damaligen Zeit: Der Film sieht geradezu atemberaubend gut aus. Der Originaltitel J‘accuse bezieht sich auf den Text von Émile Zola, mit dem er die Generäle, aber auch Anwälte und Gutachter anklagte, bewusst einen Unschuldigen hinter Gitter gebracht zu haben. Ein damals aufsehenerregender Text, für den Zola auch wegen Verleumdung der Armee angeklagt wurde - etwas, das Film aufgreift, aber noch etwas detaillierter hätte darstellen können.

Ein wenig trocken mag J‘accuse bisweilen schon anmuten, weil trotz der skandalösen Geschichte emotional mitreissender Furor eher nicht geboten wird. Dafür ist er exakt erzählt und bietet eine interessante Geschichtsstunde, die vielleicht nicht unbedingt zu Roman Polanskis grössten Werken gehört, nichtsdestotrotz aber durchaus sehenswert ist.

12.02.2020

4

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Kommentare

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8martin

vor 9 Tagen Exzellent

Mit dem deutschen Titel hat Regisseur Polanski gleich den Nagel auf den Kopf getroffen. Das was da in Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts abgelaufen ist, war so. Man hat den unbescholtenen jüdischen Offizier Dreyfus (Louis Garrel) als Spion für den Erzfeind Deutschland ausgeguckt. Selbst als der neue Spionagechef Picquart (Jean Dujardin) belegen kann, dass Dreyfus unschuldig ist, wird die Verbannung des Delinquenten auf die Teufelsinsel aufrechterhalten.
Der Plot braucht ein wenig, bis er in die Gänge kommt, wird aber in Richtung Finale nochmals spannend. (Es gibt sogar einen Toten!)
Damals hat sich viel Prominenz für Dreyfus eingesetzt. Allen voran Emile Zola, der mit seiner Aktion ‘J’accuse‘ (Originaltitel) die Öffentlichkeit aufmerksam gemacht hat. Polanski dokumentiert in eindrucksvollen Bildern dieses Drama von korrupten französischen Staatsbeamten, in dem der Antisemitismus fröhliche Urstätt feierte und in dem sich der Nepotismus bis in höchste Regierungskreise eingenistet hatte. Bei aller gewahrten Distanz wird Emotionalität nicht ausgeschlossen. Hier spielt die Generalsgattin Pauline (Emmanuelle Seigner, Polanskis Ehefrau) eine wichtige Rolle.
Einziger Einwand, den man geltend machen könnte, gewisse Vorkenntnisse sind bei der komplexen Sachlage hilfreich.
Vom Regisseur kann man menschlich halten, was man will, als Künstler kann es keine zwei Meinungen über ihn geben. Hier hat er wieder sein Können unter Beweis gestellt.Mehr anzeigen


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