CH.FILM

I'll be your mirror Schweiz 2019 – 91min.

Filmkritik

Wie die Mutter, so die Tochter

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Die Filmemacherin Johanna Faust hadert mit dem Dilemma, in welches sie ihr Bedürfnis zur Selbstverwirklichung als Künstlerin und ihre Rolle als Mutter bisweilen stürzen. Ihre Erkundigungen in eigener Sache bringen Muster zutage, das sich in ihrer Familie sozusagen in die Gene eingeschrieben über Generationen wiederholen.

Johanna Faust ist mit zwanzig Jahren zum ersten Mal Mutter geworden, nach dem frühen Tod ihres ersten Mannes hat sie ihre Tochter Mayka allein aufgezogen. 15 Jahre später wird Faust ein zweites Mal, schliesslich ein drittes Mal Mutter. Doch obwohl sie ihre Söhne liebt, findet die Künstlerin – wie schon nach der Geburt von Mayka als junge Frau – in ihrer Rolle als Mutter wenig Erfüllung.

Nachdem sie nach Maykas Geburt ein Kunststudium aufnahm und ihre Tochter zur Hälfte bei deren Grosseltern aufwachsen liess, beschliesst die Filmemacherin Mitte dreissig in Berlin wohnhaft, ihren Master in Kunst nachzuholen. Nachdem sich ihr Lebenspartner bereit erklärte, sich während ihrer Abwesenheit allein um die beiden Söhne zu kümmern, bewirbt sie sich für ein Studium in England. Doch plötzlich überkommen sie Zweifel. Sie fragt sich, welche Auswirkungen ihre Absenz auf ihre zwei noch kleinen Kinder und ihre Beziehung hätte.

Zum Schlüssel ihrer Reflexionen wird Faust die Begegnung mit der eigenen Mutter. Diese hat die Schweiz verlassen, sich in den USA eine neue Existenz aufgebaut und wieder geheiratet, kaum dass Johanna und ihre Geschwister volljährig waren. Nach einem ersten Besuch der Mutter in der Schweiz reist Faust mit ihren Kindern und ihrem Lebenspartner in die USA.

In langen Gesprächen mit der Mutter sowie auf gemeinsam unternommenen Reisen macht sich Faust an die Erkundigung der Geschichte ihrer Vorfahren. Dabei entdeckt sie, dass ihre Familie über Generationen geprägt wird durch künstlerisch begabte Frauen, die ihre Kinder verliessen, und kluge Männer, die – obwohl sie sich in der Gefolgschaft von Rudolf Steiner und seiner Lehre bewegten – als Väter die durch die Absenz ihrer Frauen entstehenden Lücken nicht zu füllen vermochten.

„I’ll Be Your Mirror“ verblüfft durch die radikale Ehrlichkeit, mit welcher die Regisseurin ihr Dilemma auslotet. Als dokumentarisches Roadmovie die USA mit Mexiko und der Schweiz verbindend, vermittelt der fünf Generationen umfassende Film auch einige historisch interessante Einblicke. Zudem bietet er einige mutige Denkanstösse zur Frage, wie sich das Selbstverständnis von Frau und Mann verändern müsste, damit Kindererziehung tatsächlich Aufgabe beider wäre.

06.02.2021

3.5

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