CH.FILM

Hexenkinder Schweiz 2019 – 96min.

Filmkritik

Im Namen Gottes und für das sogenannte Seelenheil

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Kinder, fremdplatziert und zwangsversorgt, von Betreuungspersonen gequält: Edwin Beeler beleuchtet in Hexenkinder ein düsteres Kapitel der Schweizer Sozialgeschichte.

Wenn die heutigen Medien von Ähnlichem berichten, verwenden sie schreiende Begriffe wie „Missbrauch“ „Folter“, „Freiheitsentzug“. Die Protagonisten in Edwin Beelers Film nehmen beim Erzählen harmloser klingende Worte in den Mund. Sie sind 60, 70 Jahre alt und haben es im Leben durchaus zu etwas gebracht. Doch ihre Kindheit verlief aus unterschiedlichen Gründen – die einen sind unehelich geboren, andere stammen aus zerrütteten Familien oder haben früh die Eltern verloren – ungünstig. So wurden sie von ihren Familien abgeschoben oder von der Behörde anderswo untergebracht; „fremdplatziert“ oder „administrativ zwangsversorgt“ heisst das im Fachjargon.

Sie verbrachten ihre Kindheit und Jugend in von christlichen Institutionen geleiteten Einrichtungen in der Schweiz und sind dabei durch die Hölle gegangen. Denn ihre Betreuer und Lehrer, unter ihnen Nonnen und Pater, haben sie mit drastischen Methoden zu „rechtschaffenen“ und „tüchtigen“ Menschen erzogen, wobei physische Brutalität und seelische Grausamkeit Hand in Hand gingen. Sie wurden, um einige Beispiele aus dem Film zu nennen, aus nichtigen Gründen geschlagen, eingesperrt, unter Wasser gedrückt. Man hat ihre Ängste geschürt, sie bedroht und spüren lassen, dass sie zu den Geringsten der Gesellschaft gehören. Es war solches Mitte des letzten Jahrhunderts nicht nur in christlichen Institutionen und nicht nur in der Schweiz gang und gäbe, doch Edwin Beelers Hexenkinder setzt hier an.

Beeler (Die weisse Arche) hat sich des düsteren und heiklen Themas mit grosser Sorgfalt und Einfühlsamkeit angenommen. Er hat seine Protagonisten in ihrem Alltag besucht, sie an die Orte begleitet, an denen sie aufwuchsen: Heime und Waisenhäuser, verstreut über die Schweiz, die meisten von ihnen heute nicht mehr in Betrieb. Dabei lässt er erzählen. Von konkreten Ereignissen, aber auch von daraus resultierenden Alpträumen und seelischen Wunden, deren Narben noch heute nur zu leicht wieder aufbrechen.

Es ist Schweres, was dabei zur Sprache kommt. Doch Beeler hat in seinen Film Pausen eingebaut: Aufnahmen aus Landschaft und Natur, unterlegt mit urchig-angehauchten, meditativen Klängen von Oswald Schwander. Zur historischen Abrundung lässt Beeler Auszüge aus Akten vorlesen. Darin ist von Kindern die Rede, die vor 300 Jahren der Hexerei bezichtigt hingerichtet wurden. Ein düsteres Thema – aber ein meisterhafter Film.

15.09.2020

4.5

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