CH.FILM

Golden Age Schweiz 2019 – 85min.

Golden Age

Filmkritik

Gut unterhalten bis einem die letzte Stunde schlägt

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Der Schweizer Beat Oswald hat einen Dokumentarfilm über eine der luxuriösesten Altersresidenzen der Welt gedreht. Sein Film ist auch eine Studie über die ethischen Werte der heutigen (Spass-)Gesellschaft.

Die Kamera fährt, schwebt, tanzt. Über Marmorböden, endlose Korridore entlang. Durch einen Barocksaal, einen Salon, an Plüschsesseln, zierlichen Beistelltischchen, Statuetten, riesigen Spiegeln vorbei. Bingo-Kugeln rollen, ein Mann floatet in einem Pool, anderswo sitzt man zusammen. Der Pianist spielt „As Time Goes By“. Irritierend, dazwischen: ein beiseite gestellter Rollator, ein Gehstock. Die Menschen, auf den Sesseln, im Pool, an der Bar, sind betagt; im Palace at Golden Gables, Florida, einer der exklusivsten Seniorenresidenzen der Welt, hat der Schweizer Beat Oswald seinen ersten langen Dokumentarfilm gedreht.

Er hat mit kleinem Team gearbeitet, verantwortet nicht nur die Regie, sondern auch den Ton, Kameramann Samuel Weniger wird als Co-Regisseur aufgeführt. Drei Monate haben die zwei im Palace gedreht: Golden Age, vergleichbar mit den Filmen von Frederike Wiseman, ist über weite Strecken rein beobachtend. Er handelt nicht von einzelnen Insassen, nicht von den Angestellten, nicht von den Palace-Betreibern Helen und Jacob Shaham, sondern porträtiert das Palace als Institution, wie sie nur vorstellbar ist in der heutigen, von der freien Marktwirtschaft bestimmten westlichen Welt.

Für die superreiche Klientel ist das Palace die letzte Bleibe, in der sich der persönliche Raum auf ein nach eigenem Gusto eingerichtetes Appartement beschränkt, darum herum aber ein Angebot vergleichbar dem eines luxuriösen Kreuzfahrtschiffs findet. Für die Betreiber verwirklicht sich im Palace der American Dream. Und auch wenn in ihrer Cafeteria bloss Plastikstühle stehen, ist das Palace ein beliebter Arbeitsort, dessen Philosophie Angestellten freudig mittragen. Tagesfix- und zugleich Angelpunkt des Films sind die „Happy Hours“ mit Live-Auftritten.

Golden Age ist mit geschultem Blick für die dem Barock nachempfundene Architektur fotografiert, wurde von Lena Hatebur geschmeidig montiert, und Marcel Vaids Soundtrack – melancholische Songs, Easy-Jazz, aufmüpfig gemixter Dancefloor – prägt die sehr spezielle Stimmung des Ortes und zugleich Films mit. Mit feinem Gefühl für die Protagonisten sowie dem Wissen um die universellen Fragen des Seins gedreht, die das Altern selbst in materiellem Überfluss und endlosen Entertainment zur Herausforderung werden lassen, ist Golden Age überaus bemerkenswert.

15.09.2019

4

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Kommentare

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Cabrio57

vor 3 Tagen

Ein packender Einblick in ein irritierendes Soziotop. Starke Bilder. Der brachiale Rausch der alternden Highsociety und das Befinden hinter allem Glamour und Prunk werden einfühlsam begleitet und künstlerisch liebevoll transportiert.


MarlisG

vor 3 Tagen

Den Film fand ich sehr anregend. Ich bin selber als Pflegehelferin tätig, weshalb mich der Film sehr zum Nachdenken angeregt hat. Florida und der dortige Lifestyle sind mir fremd. Trotzdem denke ich, unsere Alters- und Pflegeheime könnten sich einiges vom Leben, das im Film gezeigt wird, abschneiden.Mehr anzeigen


JamesBean

vor 4 Tagen

Vordergründig knallt das dekadente Leben einer Luxus-Altersresidenz, und die Kamera ist Teil des pulsierenden, berauschenden Partyalltags der Senioren. Als Kontrast sehr einfühlsame Einstellungen, intime Momente, welche einen die einzelnen Menschen und Schicksale ans Herz wachsen lassen. Die Kamera ist den Menschen sehr nah und zeigt die Einsamkeit und Verletzlichkeit am Lebensabend, über die auch alle Partys und aller Prunk nicht hinwegtäuschen können. Ein vielschichtiger Film, welcher mich in den Bann gezogen hat.Mehr anzeigen


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