Ema y Gastón Chile 2019 – 102min.

Filmkritik

Ein Film wie ein wilder Ritt durch Chiles Reggaeton-Szene

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Pablo Larraíns (Neruda) Drama um ein Künstlerpaar, dem keine eigenen Kinder vergönnt sind, ist entpuppt sich als fulminanter Tanzfilm.

Valparaíso, Chile, diese Tage. Weite Bucht am pazifischen Ozean, majestätischer Hafen. Hügel, bunte Häuser, prächtige Villen. Ein historischer Stadtkern, 2003 dem UNESCO-Weltkulturerbe zugeschlagen, kulturelles Zentrum Chiles mit brodelnder Club- und Tanzszene. Hier lebt Ema, jung, platinblond, von Beruf Tänzerin, intensiv und temperamentvoll gespielt von Mariana Di Girólamo.

Sie tanzt unter ihrem Mann Gastón, Tänzer und Choreograf, 12 Jahre älter als Ema: Zeitgenössisches an Kunst-Events; faszinierend minimalistisch und neongrell ist die erste Tanzeinlage. Und sie tanzt mit ihren Freundinnen: Raggaeton auf den Plätzen und in den Strassen der Quartiere auf den Hügeln. Zügellos, wild, feurig. Ein Tanz aus einem inneren Impuls heraus. Als Protest, auch als Forderung einer tänzerischen Entfesselung: In einer der stärksten Szenen des Films hält Gastón (glänzend: Gael García Bernal) eine Brandrede zu Gunsten des Zeitgenössischen Tanzes, Ema und ihre Girl-Gang argumentieren keck dagegen. Abgesehen davon unterrichtet Ema an Schulen: Körperbewusstsein, Tanz.

Ema ist rastlos. Aus dem Gleichgewicht geraten, weil sie und Gastón nicht zurechtkamen mit dem vor einem Jahr adoptierten Polo und diesen der Sozialbehörde zurückgaben. Gesellschaftlich eine Blamage. Schlimmer aber ist der Schmerz über das Versagen als Paar, das Scheitern an der Elternschaft. Ema zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Schlüpft bei Freundinnen unter. Man begegnet sich trotzdem. Bei Tanzproben. Versucht zu reden, in einem Café oder so. Es geht nicht, oder höchstens bruchstückweise.

Ema geht Affären ein. Mit Frauen, Männern. Manchmal greift sie zum Flammenwerfer. Setzt Ampeln in Brand, Autos, irgendetwas. Prächtig lodern in der Nacht die Flammen: Pablo Larraín findet poetisch wuchtige Bilder für seiner Protagonistin Running Wild, ihren Schmerz über den Verlust dieses Jungen, den sie nicht als Sohn geboren hat, aber als solchen empfindet.

Wie in Jackie fragt Pablo Larraín in Ema y Gastón nach der Verantwortlichkeit kaum erwachsener Frauen als Mütter und hinterfragt dabei gesellschaftliche Strukturen. Mariana Di Girólamo überzeugt durch tänzerische Präsenz ebenso wie durch eine tiefe Innerlichkeit, in der Zorn und Zärtlichkeit sich unmittelbar bedingen. Ein heftiger Film, der unmittelbar an die frühen Melodramen von Pedro Almodóvar erinnert und sich kräftig ins Gedächtnis brennt.

09.03.2020

4.5

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Kommentare

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Yvo Wueest

vor 17 Tagen

Feuer und Flamme sind meine Begleiterin und ich für diesen neuen chilenischen Film aus Valparaiso. Ein wilder Tanzfilm, welcher, ähnlich filigraner Webkunst, Bild, Tanz und Ton dynamisch verknüpft. Vieles wird sich uns vermutlich erst beim zweiten Genuss erschliessen. Doch jetzt ist schon klar: dieser Film trägt zur Bekanntheit der sich inzwischen von der Hafenstadt Valparaiso weltweit ausbreitenden Flash-Protest-Bewegung von engagierten Frauen bei, die mit ihrem Tanz für das Recht auf ihren Körper und dessen Unversehrtheit einstehen. Die Streaming-Plattform filmingo.ch bietet bei geschlossenen Kinos eine Alternative, den Film zu Hause, mit einem Pisco oder besser noch "Mote con Huesillos" zu geniessen.Mehr anzeigen


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