Die Goldfische 2019 – 111min.

Die Goldfische

Filmkritik

Steiler Fall vom hohen Pferd

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Alireza Golafshan garniert seine komödiantische Läuterungsgeschichte um einen arroganten Jungbroker mit vier Menschen mit Behinderungen.

Oliver lebt auf der Überholspur. Zumindest so lange, bis der Jung-Broker eines schönen Sommertages auf einer Überlandstrasse irgendwo in Deutschland die Nerven verliert, aus dem Stau ausbricht, auf der leeren Gegenfahrbahn das Gaspedal durchdrückt und ihm plötzlich ein Laster entgegendonnert. Oliver kommt im Spital vom Bauch abwärts gelähmt wieder zu sich, drei Monate Reha sollten ihn auf sein Leben im Rollstuhl vorbereiten. Doch er sieht keinen Grund, anders weiterzumachen als bisher. Schliesslich lagern in einem Schliessfach in Zürich 1,2 Millionen Schwarzgeld, die ihm gehören, und seine Kunden kann er auch via Skype bedienen..

Auf der Suche nach dem besten WLAN-Empfang landet Oliver in der WG der „Goldfische“: Den Autisten Rainer und Michi, der blinden Magda, Franzi mit Down Syndrom und deren Betreuern, Laura und Eddy. Obwohl die ersten Kontakte harzig verlaufen, freundet man sich an. Und nachdem Oliver eines Tages beobachtet, wie Magda im Supermarkt unbescholten mit zwei geklauten Whiskey-Flaschen an der Kasse vorbeimarschiert, und wenig später im Internet ein Angebot für Kamel-Therapien in der Schweiz entdeckt, hat er eine Idee: Er lädt die Goldfische zu einem Ausflug über die Grenze ein und hofft bei dieser Gelegenheit sein Geld an sich und ungehindert über die Grenze zu bringen.

Diese Story ist frech angedacht. Obwohl am Anfang noch bedächtig, nimmt das Regiedebüt von Alireza Golafshan ab dem Moment, in dem man zur Reise aufbricht, hübsch Fahrt auf. Die komischen Situationen mehren sich und einige Szenen – wie diejenige, in welcher die ganze Gruppe Franzi in eine Zürcher Edelboutique zum Shoppen begleitet, oder wenn auf dem Riesenrad ein Geldgurt aufplatzt – sind originell-witzig. Doch Golafshan vermag die hohe Qualität nicht zu halten und sein Film, der letztlich erzählt, wie aus dem arroganten Broker ein netter Kerl wird, verheddert sich wiederholt im Clinch zwischen Drama und Komödie.

Tom Schilling meistert die Hauptrolle nicht schlecht, Jella Haase und Kida Khodr Ramadan kommen als Betreuer solid, Birgit Minichchmayr hat als Magda einige herzhaft zynische Momente. Axel Stein und Jan Henrik Stahlbergs Autisten hingegen wirken wie Abziehbilder. So vermag ganz zu überzeugen letztlich nur die mit einem Down Syndrom geborene Luisa Wöllisch, welche Franzi erfrischend selbstbewusst spielt und dabei vermittelt, was der Golafshan, dessen Vater behindert ist, mit diesem Film vielleicht sagen möchte: Dass eine Behinderung nur eine Behinderung ist, wenn man sie als solche wahrnimmt.

15.03.2019

3.5

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