So Long, My Son China 2019 – 180min.

So Long, My Son

Filmkritik

Grosses Kino im Kleinen

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Der chinesische Regisseur Xiaoshuai Wang rückt in seinem an der Berlinale mit zwei Silbernen Bären ausgezeichneten Drama das Leben und Leiden zweier befreundeten Paare in den Fokus: Vom China nach der Kulturrevolution in den 1980er-Jahren bis in die heutige Zeit post Ein-Kind-Politik.

Yaojun und seine Frau Liyun waren einst eine glückliche Arbeiterfamilie – bis ihr einziger Sohn bei einem Unfall in einem Stausee in der Nähe ihres Dorfes auf tragische Art und Weise ertrunken ist. Diesen Schicksalsschlag kann das Paar nie wirklich überwinden; nicht mit einem Umzug in eine ihr fremde, restlos anonyme Stadt, nicht mit ihrem Adoptivsohn Liu Xing, der mit Abwesenheit und abweichendem Verhalten glänzt.

Immer wieder an den Vorfall in ihrer Heimat erinnert, beschliessen die zwei eines Tages, an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Im Zuge dessen treffen sie Jahre später auch wieder auf Yaojuns Bruder und dessen Frau: Die zwei Paare waren früher eng befreundet, deren Söhne im gleichen Alter selbst beinahe wie Brüder – bis sie eines Nachmittags gemeinsam in die Tiefen des Stausees losgezogen sind und somit das Leben ihrer Eltern für immer verändern sollten…

Für das Drehbuch und die Regie des Dramas So Long, My Son, das zu Beginn des Jahres an der Berlinale uraufgeführt wurde, zeichnet sich der Chinese Xiaoshuai Wang verantwortlich. Der 53-Jährige, der im Laufe seiner Karriere immer wieder von der Zensur betroffen war und in den 90er-Jahren zum ersten Mal auf die schwarze Liste gesetzt wurde, befasst sich im Film mit den Auswirkungen von politischen Beschlüssen wie der Ein-Kind-Politik, die in China offiziell noch bis 2015 Gültigkeit hatte, auf das tagtägliche Leben seiner Hauptfiguren und verwebt diese über eine enorme Laufzeit von über drei Stunden geschickt zu einer Mischung aus intimem Portrait eines Ehepaares und gleichzeitig epischem Drama über drei Jahrzehnte chinesischer Geschichte.

Daraus entstanden ist ein zutiefst menschlicher Film, der auf sehr einfache, unaufgeregte Art und Weise die Überschneidung von Privatsphäre und Öffentlichkeit aufzeigt. Dass So Long, My Son mit seiner Geschichte voller Tragik und Schönheit zu erschüttern weiss, liegt auch an den Glanzleistungen des Casts, der den Film über drei Stunden eindringlich zu tragen vermag – für ihre Darstellung wurden Yong Mei und Wang Jingchun beide mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. Ihre Performance kommt besonders zur Geltung, weil Wang statt auf Effekthascherei auf zurückgenommene, simple Bilder in blassen Farben und minimalen Dialog setzt. So Long, My Son ist einfaches, authentisches, anspruchsvolles, intimes und episches Kino – und das alles zur selben Zeit.



09.10.2019

4.5

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