Der Goldene Handschuh 2019

Der Goldene Handschuh

Filmkritik

Zur ranzigen Leinwand

Cornelis Hähnel
Filmkritik: Cornelis Hähnel

Es ist vielleicht der mit am meisten Spannung erwartete Film des diesjährigen Berlinale-Wettbewerbs: Der Goldene Handschuh von Fatih Akin. Nach dem Goldenen Bären 2004 für Gegen die Wand und dem Golden Globe im letzten Jahr für Aus dem Nichts sind nun alle Augen auf den deutsch-türkischen Regisseur gerichtet – und der gibt diesmal alles dafür, dass man lieber wegschauen möchte.

Hamburg in den 1970er-Jahren. Das Rotlichtviertel St. Pauli ist ein Auffangbecken für Nachtschwärmer und Vergnügungssüchtige, aber auch für die gestrandeten Gestalten der Hansemetropole: Säufer, Prostituierte, Spielsüchtige und Verzweifelte tummeln sich in den zahlreichen verrauchten Eckkneipen. Besonders beliebt ist «Der Goldene Handschuh», der Tag und Nacht erste Anlaufstelle für die einsamen Seelen und ihren Durst nach Schnaps und Gesellschaft ist. Zu ihnen gehört auch der Hilfsarbeiter Fritz Honka. Dort ist er auf der Jagd nach alleinstehenden Frauen, die er mit Alkohol gefügig macht: Er nimmt sie nach Hause, um mit ihnen zu schlafen – und sie danach brutal zu töten...

Basierend auf dem wahren Fall des Serienmörders Fritz Honka und dem Roman „Der Goldene Handschuh“ von Heinz Strunk hat sich Fatih Akin in die Abgründe des Hamburger Kiezes begeben. Lange war die Leinwand nicht mehr so ranzig: Jede Einstellung, jedes Bild strotzt nur so vor Dreck und Grind und zwar so sehr, dass man regelrecht froh ist, wenn nach gut einer Stunde endlich ein sauberer Ort – und zwar eine Toilette – zu sehen ist. Doch nicht nur die Räume sind heruntergekommen, auch die Figuren sind allesamt ganz unten. Einsam, verzweifelt und bedürftig lungern sie am Tresen, die Zukunft dreht sich nur um den nächsten Schnaps.

Sowohl Szenenbildner Tamo Kunz als auch Kostümbildnerin Katrin Aschendorf haben hier eine grandiose Arbeit abgeliefert und perfekt den Look der Zeit getroffen. Doch genau dieser schonungslose Blick auf die gescheiterten Gestalten mit all ihren Makeln und Fettrollen, mit all ihren Süchten und Sehnsüchten, ist zugleich das Problem des Films. Denn hier wird so viel auf den Schauwert der Abgründe geachtet, dass die Figuren immer wieder in die Nähe der Blossstellung gerückt werden. Und vor allem bei den Mordszenen schiesst Akin mit seiner brutalen, schonungslosen und blutigen Inszenierung über das Ziel hinaus. Glücklicherweise hebt das übertriebene Spiel von Jonas Dassler (der kaum wiederzuerkennen ist) den Film auf eine groteske Ebene, die den ganzen Dreck überhaupt erträglich macht.

Der Goldene Handschuh ist zwar ein detailgetreues Abbild der biergeschwängerten Kaschemme und der abscheulichen Verbrechen von Fritz Honka, aber für eine präzise Milieustudie fehlt die Einbindung in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext. Was bleibt, sind die dreckigen Bilder, die sich – wie der Talg in der Kopfstütze im Kinosessel – für immer eingebrannt haben.

11.02.2019

3

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Kommentare

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walter-Oliver

vor einem Monat

Dieser Film ist ein Meisterwerk, abgrundtief wie ein Tumor, ein Feuerwerk aus Schwarz und eine Hommage an Alice Schwarzer für ihr Lebenswerk


maennele

vor einem Monat

Dieser Film gehört genau dahin, wo er spielt - in die Gosse!!!


JollySmeraldo

vor einem Monat

Kein Kindermärchen, aber eine wahre Geschichte. Nichts für schwache Nerven! Fatih Akin hat aus dem Roman von Heinz Strunk einen beeindruckenden Horrofilm gemacht. Tatort ist Hamburg St. Pauli in den 70er Jahren.


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