Das freiwillige Jahr 2019

Das freiwillige Jahr

Filmkritik

Roadmovie im Kreisverkehr

Filmkritik: Locarno Film Festival

Ulrich Köhler und Henner Winckler erzählen in Das freiwillige Jahr die Geschichte einer sensiblen Vater-Tochter-Beziehung – und zeichnen darüber hinaus ein asphaltgraues Stimmungsbild der westdeutschen Provinz.

Der Arzt Urs (Sebastian Rudolph) wünscht sich für seine Tochter Jette (Maj-Britt Klenke), was er selbst nicht haben kann: ein Leben fern der westdeutschen Provinz. Im Freiwilligendienst in Costa Rica soll sie während eines Jahres die Welt sehen – raus aus dem Dorf, raus aus dem Haus mit den Eseln im Garten. Jette unterdessen weiss nicht so recht, was sie will. Zerrissen zwischen ihrer Jugendliebe Mario und den Plänen ihres Vaters, kann sie nur fliehen – und bleibt. Das Flugzeug hebt ohne sie ab, und der VW-Bus, in dem Mario sie zum Flughafen gefahren hat, wird zur Bühne für das Roadmovie von Ulrich Köhler (Schlafkrankheit) und Henner Winckler.

Für ihre WDR-Produktion Das freiwillige Jahr, den einzigen deutschsprachigen Beitrag im internationalen Wettbewerb von Locarno, haben die beiden erstmals in geteilter Regie zusammengearbeitet. Dabei entwerfen sie ein Stimmungsbild ländlicher Regionen und sezieren mit minimalistischen Mitteln und auf engstem Raum die Beziehung zwischen Vater und Tochter.

Euphorisiert von ihrem rebellischen Akt, kreist Jette mit ihrem Freund zunächst durch die kühl-graue Provinz, bis sie angesichts von Marios Passivität zu zweifeln beginnt. Die Anspannung entlädt sich in pointierten Dialogen, die Jettes innere Unruhe schonungslos nach aussen kehren, bis diese richtiggehend körperlich wird. Als die ziellose Reise der beiden im nahegelegenen Wald endet, kehrt Jette über Umwege zwar nach Hause zurück, kommt aber nie wirklich an. Entscheidungen weicht sie aus, indem sie davonrennt. Ihr Vater, als Landarzt gewohnt, in das Leben anderer einzugreifen, sieht sich zurückgewiesen – und hält nun umso stärker an seiner Vorstellung für Jettes Glück fest. «Vielleicht überforderst du sie einfach», vermutet ein Patient und ehemaliger Lehrer von Jette. Der Vater reagiert unwirsch: «Vielleicht ist das auch gut so! Wo das keiner von euch je geschafft hat!»

Sebastian Rudolph und Maj-Britt Klenke spielen das ungemein physisch, Schnitt und Gegenschnitt zeigen die Protagonisten meist im Profil und treiben das Tempo voran. Die bewusst eingesetzte Enge lässt den Darstellern jedoch wenig Raum, ihre Charaktere weiterzuentwickeln – der Film wurde im realen Verkehr gedreht, was explorierende Einstellungen erschwerte. So bleibt die Frage offen, was Vater und Tochter aus ihrer Reise lernen. Sie bleiben zurück in kreisender Frustration, und man wünscht ihnen die nächste Ausfahrt, bei der Vater Urs wie zu Beginn versprechen kann: «Komm, Jette, jetzt geht’s los!»

12.08.2019

3.5

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