The Raft Dänemark, Deutschland, Schweden, USA 2018 – 98min.

The Raft

Filmkritik

Gewagtes Experiment

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Die nachdrückliche Doku The Raft erinnert an eines der gewagtesten Sozial-Experimente des 20. Jahrhunderts – und lässt 45 Jahre danach die Probanden von einst aufeinandertreffen.

Der Gewaltforscher und Anthropologe Santiago Genovés wählt 1973 vier Männer und sechs Frauen aus, um mit ihnen auf einem kleinen Floss den Atlantik zu überqueren. Er will Erkenntnisse darüber gewinnen, wie sich der Mensch in einer solchen Extremsituation verhält. Wie lösen die Menschen ihre Konflikte? Kommt es zu (sexuellen) Annäherungen zwischen ihnen? Wie lange wird es dauern, bis die Lage eskaliert? Ein gefährliches Experiment.

Das Acali-Experiment (Acali war der Name des zu einem Hausboot umfunktionierten Flosses) ging als eines der umstrittensten wissenschaftlichen Experimente in die Geschichte ein. Seit jeher fasziniert davon zeigte sich der skandinavische Künstler und Regisseur Marcus Lindeen, der mit The Raft seinen vierten Film vorlegt.

Von den damals elf Personen auf dem Boot leben heute nur noch sieben. Lindeen machte die in verschiedenen Regionen der Welt lebenden Versuchsteilnehmer ausfindig und lässt sie erstmals wieder aufeinandertreffen – und zwar auf einem originalgetreuen Nachbau der Acali. Ein geschickter Schachzug, entlockt der authentische Rahmen der Zusammenkunft den Befragten doch unmittelbare, durchaus heftige Emotionen und Reaktionen.

Das beginnt bereits beim Betreten der Replik, wenn den Teilnehmern (positive wie negative) Erinnerungen in den Kopf schiessen und sich ihre Stimmung zum Teil ganz plötzlich wandelt. Je nachdem, was sie an bestimmten Stellen des Flosses – etwa dem Schlafbereich oder einer extra eingerichteten Ruhezone – erlebten. Lindeen nutzt zudem viel vom Original-Videomaterial, das einst auf der Acali entstand. Es sind körnige, etwas angestaubt wirkende, aber dennoch ungemein beeindruckende Bilder, die dem Betrachter ein realistisches Bild vom Leben auf dem Floss vermitteln.

Fragwürdig ist die Entscheidung, Genovés beziehungsweise einen Sprecher, der in dessen Rolle schlüpft, als Off-Kommentator auftreten zu lassen. Denn der Wissenschaftler verstarb 2013. Das erfährt man jedoch erst durch eigene Recherchen, weshalb die Gefahr gross ist, dass man den Sprecher für den echten Genovés hält.

The Raft hätte ohnehin noch mehr auf die fragwürdigen Motivationen Genovés eingehen können. Und auf sein ambivalentes Verhalten. Zwar berichten die Teilnehmer von dessen Provokationen, um gewünschte Verhaltensweisen hervorzurufen. Darüber hinaus aber liess er sie vor Reiseantritt Knebelverträge unterschreiben, schlachtete das Erlebte Jahre später in einem reisserischen Buch aus und liess die Acali von einer mexikanischen Fernsehstation mitfinanzieren. Dies alles verschweigt der Film oder erwähnt es nur in einem Nebensatz.

04.02.2019

3.5

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