Roma Mexiko, USA 2018 – 135min.

Roma

Filmkritik

Der Zauber des Kinos

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

5 Jahre nach Gravity kehrt Alfonso Cuarón mit Roma zurück – und zwar nur teilweise auf die grosse Leinwand, denn sein schwarz-weisses Drama wird von Netflix vertrieben und nur in ausgewählten Kinos gezeigt. Das ist zugleich Fluch und Segen: Roma ist grosses Kino und prädestiniert für die Kinoleinwand – so dürften aber wenigstens weitaus mehr Menschen in den Genuss dieses Meisterwerks kommen.

Cleo (Yalitza Aparicio), eine mit indigenen Wurzeln und aus ärmlichen Verhältnissen stammende junge Frau, arbeitet zu Beginn der 70er-Jahre als Kindermädchen bei einer wohlhabenden weissen Mittelstandsfamilie in Mexico-Stadt. Nebst den üblichen Aufgaben, die sie als Hausangestellte und Kindermädchen übernimmt, ist die ausgeglichene junge Frau auch eine wichtige Konstante im Leben von Mutter Sofía (Marina de Tavira) und deren vier Kinder, zu denen sie ein sehr inniges Verhältnis pflegt. Doch der idyllische Schein trügt: Sowohl Vorfälle in der Familie als auch politische Unruhen bringen das Leben von Cleo und den Menschen um sie herum aus der Bahn.

Zwei Dinge stechen einem bei Roma sofort ins Auge: Zum einen ist dies die nüchterne und zugleich spektakuläre Optik, die von den Schwarz-Weiss-Aufnahmen in 65mm und vielen langen Plansequenzen geprägt ist – Letztere müssen sowohl dem Regisseur als auch den Schauspielern bezüglich Timing und Koordination einiges abverlangt haben. Die Kamera dreht sich oft um sich selbst, das Geschehen im Haus oder auf der Strasse bewegt sich natürlich mit ihr mit, als würde man hier einen wahrhaftig sich so abspielenden Moment beobachten dürfen. Unterstützt von einem cleveren Sounddesign ist man als Zuschauer mittendrin bei diesen intimen Augenblicken – zum Beispiel wenn Cleo die Kinder in den Schlaf singt oder mit dem Jüngsten auf dem Dach des Anwesens Tote spielt.

Zum anderen stellt Cuarón, der mit Roma eigenen Aussagen zufolge seinen persönlichsten und einen beinahe autobiografischen Film abliefert, auch mithilfe seiner Figuren eine ungewohnte Intimität her: Obwohl er wenig Dialog hat, um seine Figuren zu entwickeln, haben diese ziemlich bald eine emotionale Tiefe, sind greifbar – insbesondere die Protagonistin Cleo, für welche Yalitza Aparicio ihr Leinwanddebüt mit einer Natürlichkeit gibt, dass man annehmen könnte, sie hätte nie etwas anderes gemacht. Es ist erstaunlich, wie Cuarón zunächst Cleos Leben und das ihres Umfeldes feinfühlig seziert, nur um dann den Bogen zur damaligen Politik und den Einflüssen von äusseren Umständen zu schlagen, die den sorgfältig gezeichneten Mikrokosmos natürlich nicht unbehelligt lassen.

Gleichzeitig ist Roma aber nicht nur ein intimes und visuell unvergleichliches Porträt über die Wunden, die historische und persönliche Umbrüche in das Leben von Menschen und einer Gesellschaft reissen, sondern auch eine Liebeserklärung an seine Heimat – Roma ist ein Stadtteil in Mexiko-Stadt – und an die starken Frauen, die während turbulenten Zeiten jeglichen Widrigkeiten zum Trotz alles zusammenzuhalten versuchen. Es ist ein Film zum Eintauchen, Beobachten, Staunen, Überlegen und Geniessen – Roma gehört sicherlich zu den aussergewöhnlichsten und damit auch besten Filmen des Jahres 2018. Ein unaufgeregtes Meisterwerk, das einem in Erinnerung ruft, welchen Zauber Kino zu versprühen imstande ist.

06.12.2018

5

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