CH.FILM

Ly-Ling und Herr Urgesi Schweiz 2018 – 81min.

Ly-Ling und Herr Urgesi

Filmkritik

Zwei, die nicht immer am gleichen Faden ziehen

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Giancarlo Moos‘ Doku-Komödie um eine in Appenzell aufgewachsene Modedesignerin laotischer Herkunft und einen in den 1960er-Jahren aus Apulien eingewanderten Feinmassschneider verpasst es leider, die Tiefen des ihr inhärenten Culture Clash auszuloten.

Ly-Ling Vilaysane, eine Seconda mit laotischen Wurzeln, ist in Appenzell aufgewachsen und hat in Paris Design studiert. Sie hat ein eigenes Label, ist lebenslustig, immer am Handy, schnell unterwegs, ihr Lachen wirkt ansteckend; Ly-Ling, sagt Cosimo Urgesi, verstehe es auf Menschen zugehen, mit ihnen zu reden und im Zusammensein mit ihr fühle man sich immer wohl.

Etwas weniger begeistert ist der Feinmassschneider allerdings von Ly-Lings Entwürfen und ihrer impulsiven Arbeitsweise. Er hat sein Handwerk in seinem Dorf in Apulien gelernt und ist in den 1960ern in die Schweiz migriert; heute ist der über 70-Jährige der letzte Feinmassschneider St. Gallens. Er arbeitet präzis und ist im Umgang mit Nadel und Fingerhut derart flink, dass Ly-Ling Stücke, die andere für 6000 Franken verkaufen, für 3000 anbieten kann; obwohl Giancarlo Moos in seinem Dokumentarfilm darauf nicht eingeht, scheint Ly-Lings Boutique an der St. Galler Bahnhofstrasse gut zu laufen. So gut, dass sie Herr Urgesi 2016 einen Platz in ihrem Atelier anbieten konnte. Nicht nur damit er fortan ihre Kleider fertigt, sondern auch, um von ihm zu lernen.

Ein traditionelles Handwerk, das sich über Generationen weiterreicht, eine junge Frau mit Visionen, die mit einem erfahrenen Meister ihres Fachs die Passion fürs Metier teilt, dazu zwei unterschiedliche Migrationsbiografien: Das sind goldene Parameter für einen Dokumentarfilm. Dies umso mehr, als sowohl Ly-Ling wie Herr Urgesi starke Persönlichkeiten sind, ihre Zusammenarbeit ins Trudeln gerät, und sie beide trotz gegenseitigem Respekt nicht immer ein Blatt vor den Mund nehmen.

Giancarlo Moos hat seine Protagonisten über eineinhalb Jahre begleitet. Vieles, was in seinem Film auf Leinwand kommt, – Urgesis umstandskrämerische Kritik an Ly-Lings unkonzentrierter Arbeitsweise, Ly-Lings Entrüstung über seine Verbesserungsvorschläge an ihren Entwürfen – wirkt anfänglich durchaus erheiternd, und der Versuch, den beiden Biografien nachzuspüren, ist lobenswert. Leider gelingt es Moos trotzdem nicht, den zunehmend heftigeren Konflikt zwischen den beiden wirklich zu ergründen. Und so bleibt diese Culture Clash-Comedy, die eigentlich auch sehr viel aus dem Multikulti-Einwanderland Schweiz zu berichten wüsste, letztlich seltsam oberflächlich.

11.10.2019

2.5

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Kommentare

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yetiart

vor 22 Tagen

Super Film. Auch wenn er als Dok Film deklariert ist, sind viele Lacher und Unterhaltung garantiert.


Fritzi

vor 27 Tagen

Starker CH Film! Habe ihn bereits bei den Solothurner Filmtagen gesehen und bin jetzt nochmal gegangen. Auch beim zweiten Mal war ich immer noch genauso gefesselt.


spade

vor 30 Tagen

Ruhiger Film über zwei interessante und starke Persönlichkeiten.


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