Jonathan USA 2018 – 101min.

Jonathan

Filmkritik

Geteiltes Leben

Christopher  Diekhaus
Filmkritik: Christopher Diekhaus

Geschwisterbeziehung der besonderen Art: In seinem Spielfilmdebüt erzählt US-Regisseur Bill Oliver von zwei Brüdern, die sich einen Körper teilen und jeweils zwölf Stunden am Tag allein auf ihn zurückgreifen können. Auch wenn das betont ruhige Science-Fiction-Drama Geduld erfordert, wird man mit einigen spannenden Einsichten belohnt.

Die Tage im Leben von Jonathan und John (Ansel Elgort in einer Doppelrolle) verlaufen nach einem festen Plan. Von 7 Uhr bis 19 Uhr kann Ersterer dank eines Time-Splitters hinter dem Ohr über den gemeinsam genutzten Körper verfügen. Ab 19 Uhr übernimmt dann der bis dahin ruhende John, dessen „Schicht“ wiederum um 7 Uhr am nächsten Morgen endet. Ihre jeweiligen Wachphasen beschliessen die Brüder stets mit einem Video, in dem sie das Erlebte für den jeweils anderen minutiös zusammenfassen. Nur so können sie ihre ungewöhnliche Existenz vor ihrer nichtsahnenden Umwelt geheim halten. Um nicht aufzufliegen, haben sie sich ausserdem darauf verständigt, keine engen Bindungen zu ihren Mitmenschen einzugehen. Als sich John allerdings in die sympathische Bardame Elena (Suki Waterhouse) verliebt, tun sich im von Vertrauen geprägten Geschwisterverhältnis ernsthafte Risse auf.

Die faszinierende, aber ebenso unheimliche Prämisse seines Langfilmdebüts – zwei Seelen gefangen in einem Körper – hätte Bill Oliver sicherlich für einen knisternden Psychothriller nutzen können. Stattdessen legt er jedoch ein leises, melancholisches, nachdenklich stimmendes Charakterdrama mit leichten Science-Fiction-Anflügen vor, dessen aufreizend langsames Erzähltempo wohl nicht jeden Zuschauer zu Begeisterungsstürmen verleiten wird. Jonathan fordert das Publikum heraus, überrascht allerdings mit einer anregenden Reflexion über das Wesen des Menschen, die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und das Bedürfnis nach Liebe und Geborgenheit.

Interessant ist auch der Kniff, das Geschehen fast ausschliesslich aus der Perspektive des schüchternen, kontrollierten Titelhelden zu zeigen. Sein deutlich geselligerer und impulsiverer Bruder taucht lediglich in den regelmässig eingearbeiteten Videobotschaften auf. Nichtsdestotrotz bekommt man ein gutes Gespür für die Unterschiede der auf einen einzigen Körper zurückgreifenden Protagonisten. Gewiss überzeugen nicht alle Handlungspunkte gleichermassen. Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätte der Regisseur etwa Johns zunehmend depressiver Verfassung und der Rolle der eingeweihten Ärztin Dr. Nariman (Patricia Clarkson) schenken können. Die Art und Weise, wie der in kühle, sterile Weisstöne getauchte, stilsicher inszenierte Film Identitätsfragen und emotional berührende Momente verbindet, ist aber durchaus ein Kinoticket wert.

22.05.2019

3.5

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