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Ceux qui travaillent Schweiz 2018 – 105min.

Filmkritik

Aus der Bahn geworfen

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Nach einem substantiellen Fehlentscheid als Logistik-Koordinator von Cargo-Schiffen steht Workaholic Frank vor dem Trümmerhaufen seines Lebens: Antoine Russbach wirft in Ceux qui travaillent einen schonungslosen Blick auf die moderne Arbeitswelt.

Frank Blanchet (Olivier Gourmet) ist durch und durch ein Workaholic: Seine Arbeit als Koordinator von Cargo-Schifftransporten nimmt sein ganzes Leben in Anspruch, was auch seine Frau und seine 5 Kinder zu spüren bekommen. Doch diese sind sich ihres stets abwesenden Vaters gewohnt, der ihnen im Gegenzug ein neues iPhone, einen Pool im Garten oder den wöchentlichen Shoppingtrip finanziert. Als er eines Tages einen substantiellen Fehler begeht, wird der kurz vor der Pensionierung stehende Frank entlassen. Ein Schock für ihn, der sich stets über die Arbeit definiert hat, weshalb er die Neuigkeit seiner Familie und seinem Umfeld zunächst verschweigt.

Doch natürlich bekommt die Familie allmählich Wind von Franks Arbeitslosigkeit: Zwar verlässt er noch jeden Morgen das Haus und gibt vor, zur Arbeit zu fahren. Doch dass er krank zu Hause bleibt oder bei Gigs seines Sohnes auftaucht, das wäre früher nicht vorgekommen. Dass Frank die Personen, die ihm im Leben eigentlich am nächsten stehen müssten, skrupellos anlügt, hat wohl auch mit dem Grund seiner Kündigung zu tun, die einige moralische Fragen aufwirft – nicht nur beim Zuschauer, sondern auch bei Frank. Schlussendlich muss er versuchen, sich mit den neuen Umständen anzufreunden, auch wenn das nicht einfach ist: Seine Familie hat sich durch sein ständiges Arbeiten längst an seine Abwesenheit und den Luxus eines wohlhabenden Lebens gewöhnt.

Abgesehen davon, dass man fragen kann, wie sich eine 7-köpfige Familie ein Leben mit grossem Haus, Pool und vielen Annehmlichkeiten in der Genfer Agglomeration leisten kann – Franks Frau scheint nicht zu arbeiten, er selbst stammt nachweislich aus einer ärmlichen Arbeiterfamilie – sind die die Figuren in Ceux qui travaillent sehr echt gezeichnet. So echt, dass man manchmal fast froh ist, dass sie schlussendlich doch nur fiktiv sind. Denn Franks Frau wirkt über weite Teile extrem distanziert, er selbst unglaublich verbissen und rücksichtslos, seine Kinder vom Konsum abgestumpft.

Bloss seine jüngste Tochter Mathilde (Adèle Bochatay), so bekommt man den Eindruck, ist noch gänzlich unberührt von der Maschinerie der Gesellschaft, und lässt nicht zu, dass ihr Vater sich ihr einfach so entzieht. So ist es vor allem die Beziehung zu ihr, die auch dank Franks Bemühungen nach dem grossen Knall aufblüht – und die ihn lehrt, die Lage mehr aus der Sicht von Kinderaugen zu betrachten. Dass einem Franks Verhalten trotz des persönlichen Wandels, den er durchmachen muss, über weite Teile des Films fremd bleibt, macht die Botschaft zum Schluss ironischerweise noch eindringlicher – obwohl man sich als Zuschauer irgendwie immer wieder wünscht, dass die Arbeitswelt, die Familienkonstellation und die Lebenshaltung, die in Ceux qui travaillent gelebt werden, eher einer vergangenen Zeit angehören. Ein unbequemer Film, der schonungslos auf etwas zeigt, das man wohl lieber ignorieren würde.

16.10.2018

3

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Kommentare

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8martin

vor 4 Monaten

Der preisgekrönte Film des Schweizers Antoine Russbach kommt ganz unspektakulär wie eine Doku daher. Den Originaltitel kann man als Drohung bzw. als Warnung deuten. In leisen Eistellungen wird die Größe dieses hochaktuellen Problems eindrucksvoll dargestellt. Wegen einer problematischen Entscheidung (Er ließ einen Blinden Passagier über Bord werfen!) waschen seine Vorgesetzten ihre Hände in Unschuld. Frank (Olivier Gourmet) ist das Bauernopfer. Nach familiären Problemen z.B. mit Ehefrau Nadine (Delphine Bibet), der er lange sein Problem verheimlicht und die ihn aus dem gemeinsamen Schlafzimmer wirft, geht er auf Jobsuche. Erhält unmoralische Angebote, denen er eine Zeitlang widerstehen kann, muss eine Kompetenzprüfung über sich ergehen lassen, besucht sogar einen Stuhlkreis. Seine fünf Kinder interessiert nicht, was vorgefallen ist. Sie wollen nur, dass der Lebensstil gewahrt bleibt. So kompensiert er sein schlechtes Gewissen durch Geschenke. Er spielt sogar mit Selbstmordgedanken.
Arbeitskollegen erzählt er von seiner schwierigen Kindheit. Sein Aufstieg gelang dem Selfmade Man durch harte Arbeit. Am Girls Day zeigt er seiner kleinen Tochter Mathilde (Adèle Bochatay) was er beruflich macht. Am Ende sitzt Franks Familie im Wohnzimmer. Er fragt seinen Sohn ‘Wie geht’s?‘ Antwort ‘Ganz gut.‘ Es ist wohl der Preis, den man zahlen muss, wenn man Arbeit hat und sie verlieren kann. Wertvoll!Mehr anzeigen


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