Boy Erased – Der verlorene Sohn USA 2018 – 115min.

Boy Erased – Der verlorene Sohn

Filmkritik

Der wahre Horror

Peter Osteried
Filmkritik: Peter Osteried

Es ist ein beeindruckender Film, den Joel Edgerton auf Basis der Memoiren von Garrad Conley geschrieben und inszeniert hat. Einer, der sich mit einem Thema befasst, das hierzulande nicht so gängig ist, aber durchaus ebenfalls existiert: Der Glaube, dass man Homosexualität heilen kann. Herausgekommen ist Boy Erased - Der verlorene Sohn, ein emotional aufwühlender und wuchtiger Film.

Als seine streng gläubigen Eltern (Nicole Kidman und Russell Crowe) erfahren, dass er homosexuell ist, drängen sie Jared (Lucas Hedges), sich einer Konversionstherapie zu unterziehen. Er soll sich ändern – nicht nur, damit er ein erfülltes Leben haben kann, sondern auch, dass sein Vater, ein Pastor, nicht mehr in Schande leben muss. Jared geht in diese Therapie, doch er erkennt, dass er sich nicht ändern wird – und dass diese Form von Therapie Scharlatanerie ist. Aber mit ihr zu brechen, würde auch heissen, mit seinem Vater zu brechen. Er weiss einfach nicht, ob er ohne seine Familie leben kann. Vielleicht muss er das aber.

Seine Wirkung erzielt Boy Erased - Der verlorene Sohn vor allem dadurch, weil nichts von dem, was gezeigt wird, wirklich unglaubwürdig wäre. Bei dieser „Therapie“ werden die jungen Männer und Frauen nicht geschlagen oder misshandelt, wohl aber von morgens bis abends indoktriniert: Dass sie krank sind, dass Gott sie aber dennoch liebt, dass sie sich ändern können. Aber etwas so Fundamentales wie die eigene Sexualität zu ändern, bedeutet auch, alles zu verleugnen, was man ist. Das ist das Dilemma, in dem die Hauptfigur steckt.

Man hätte keinen besseren Schauspieler als Lucas Hedges finden können, der zu den Besten seiner Generation gehört und seit Manchester by the Sea in einem eindringlichen Drama nach dem anderen agiert. Er spielt ausgesprochen subtil. In seinem Gesicht passiert viel, die Dialoge sind darum nicht gar so wichtig, nichtsdestotrotz aber geschliffen. Das übrige Ensemble arbeitet ihm zu. Nicole Kidman hat im Grunde nur ein oder zwei bemerkenswerte Szenen, Joel Edgerton als „Therapeut“ ist jedoch intensiv und der wieder deutlich beleibtere Russell Crowe als Pastor ist eine tragische Figur. Weil er es ist, der sich verändern muss, wenn er seinen Sohn in seinem Leben haben will.

Die Botschaft des Films ist wichtig. Aber man nimmt Edgerton ab, dass er nicht nur eine Message abliefern wollte, sondern dass ihm an echtem menschlichem Drama gelegen ist. Was er hier präsentiert, ist ein intensiver Film, der mit den stark religiösen Elementen, aber auch den „Therapiesitzungen“ gruseliger ist, als es jeder Horrorfilm sein könnte. Dass es so etwas gibt – und nicht nur der Phantasie entspringt – ist das wahrlich Erschütternde an Boy Erased - Der verlorene Sohn.

07.02.2019

4.5

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