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At Eternity's Gate Frankreich, Irland, Schweiz, Grossbritannien, USA 2018 – 111min.

At Eternity's Gate

Filmkritik

Van Gogh über die Schulter geschaut

Rolf Breiner
Filmkritik: Rolf Breiner

Julian Schnabel, US-Künstler und Filmemacher, hat versucht, sich in Vincent van Gogh zu versetzen, und ein bemerkenswertes Künstlerporträt geschaffen – mit einem phänomenalen Willem Dafoe als van Gogh in At Eternity's Gate, einem Kunstwerk über einen Künstler und sein Kunstverständnis.

Der holländische Maler Vincent van Gogh (1853 – 1890) ist auch im Kino kein Unbekannter. Cineasten erinnern sich an Kirk Douglas, der den holländischen Künstler im Spielfilm Lust for Life – Ein Leben in Leidenschaft (1956) von Vincente Minnelli verkörperte. Der polnische Trickfilm Loving Vincent (2017) von Dorota Kobiela und Hugh Welchman kombinierte Realaufnahmen mit Malerei.

Auch der jüngste Van-Gogh-Spielfilm At Eternity's Gate rückt seine letzte Schaffenszeit in den Fokus. Vincent van Gogh ist ein Getriebener, von der Umgebung angefeindet, von der Kunstwelt (noch) unverstanden, starken Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Ruhe und Erfüllung findet er in der Natur, in der Malerei, in Südfrankreich (Arles, Auvers-sur-Oise). Der Holländer, Asket und Einsiedler, lebte und arbeitete eine kurze Zeit lang mit dem Maler Paul Gauguin (Oscar Isaac) in Arles zusammen. Sie freundeten sich an, achteten sich und entzweiten sich. Ein Verlust für van Gogh., der fürchtete, verrückt zu sein oder zu werden.

In einer Schlüsselszene offenbarte sich van Gogh einem Priester (Mads Mikkelsen) während seines freiwilligen Aufenthalts in der Heilanstalt bei Saint-Rémy-de-Provence. Hier beschreibt er sein Verständnis, seine Sicht, seine Zweifel und Hoffnungen. Ein wegweisendes Gespräch über Gott und die Welt. Van Gogh wähnte sich in einer falschen Zeit. Seine Werke waren ihrer Zeit voraus, eben für die Ewigkeit gemacht. Sein einziger Halt waren ihm die Malerei und sein Bruder Theo, gespielt von Rupert Friend.

Hollywood-Star Willem Dafoe (Aquaman, The Last Temptation of Christ) hat sich regelrecht in die Rolle van Gogh hineingekniet, hat sich ins Malen vom Regisseur und Maler Schnabel einführen lassen. Dafoes perfekte Performance wurde in Venedig 2018 mit einem Löwen ausgezeichnet. Der New Yorker Regisseur Julian Schnabel (67), Mitbegründer des Neoexpressionismus, wollte sich selber ein Bild vom berühmten Holländer machen. Drehbuch (Schnabel, Jean-Claude Carrière und Louise Kugelberg) und Film stützen sich auf van Goghs Aufzeichnungen, Analysen, Briefe und Bilder.

Van Goghs Farben und Figuren wirken auch im Film höchst lebendig und originalgetreu: Himmel, Sonnenblumen, Wiesen oder das «Kornfeld mit Krähen» (in Schottland gefilmt). Die Bilder des Kameramanns Benoît Delhommes, selbst auch ein Maler, sind teilweise unstetig, bewusst wacklig, verschwommen, aber insgesamt exzellent. Überwiegend wurde draussen gefilmt, bei Originallicht und teilweise an Originalschauplätzen. Schnabel, so sein Credo, betrachtet Filmerei als Malerei mit anderen Mitteln. So gesehen, ist ihm ein fesselndes Meisterwerk gelungen über gelebte Kunst und einen einsamen Künstler.

12.04.2019

5

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Kommentare

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nico_matter

vor einem Monat

So intensiv die Leistung der Schauspieler auch ist, so gut die Geschichte auch ist, der Kameramann (oder der Regisseur?) haben mich durch ihren verzweifelten Versuch, durch die wakelnde Kamera etwas dokumentarisches oder authentisches zu erreichen, dazu gebracht, den Saal fluchtartig zu verlassen. Auch die übertriebene Bemühung, etwas Almodovar-Drama zu erzeugen, war eine Fehlleistung. Bravo für die Schauspieler aber sonst ein NoNoMehr anzeigen


forumuser

vor 2 Monaten

Nein , nein, war sehr spannend. Obwohl ich auch schon den letzten Film über Vincent Van Gogh zweimal gesehen habe. Von anstrengend keine Spur. William Dafoe spielt die Rolle ausgezeichnet!

forumuser

vor 2 Monaten

Es wäre aber möglich, dass ich ohne den letzten Film über Vincent Van Gogh, welcher mehr in die Tiefe ging, ich diesen Film weniger gut verstanden und die Szenen hätte einordnen können.


Barbarum

vor 5 Monaten

Der Neue von Julian Schnabel (Le scaphandre et le papillon) ist mehr Experimental- als Spielfilm und handelt von den letzten Jahren im Leben Vincent van Goghs. Die Aneinanderreihung einer tranceartigen Szene an die Nächste wirkt auf die Dauer von fast zwei Stunden jedoch einförmig und auch planlos, was "At Eternity's Gate" ganz schön anstrengend macht.Mehr anzeigen


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