Nico, 1988 Italien 2017 – 93min.

Nico, 1988

Filmkritik

Im Nirwana des Untergangs

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Susanna Nicchiarelli beleuchtet die letzten Lebensjahre der „The Velvet-Underground“-Sängerin Nico.

Sie wurde von der Schulbank weg entdeckt und war in den 1950er-Jahren eines von Deutschlands ersten Supermodels. Sie versuchte sich als Schauspielerin, verkehrte mit Musikgrössen wie Bob Dylan, Jimmy Hendrix, Leonard Cohen, wurde Andy Warhols Muse und als Sängerin von „The Velvet Underground“ weltbekannt. Doch ihr eigenes Leben, erklärt Nico später, habe erst danach angefangen. So zumindest wird es rapportiert in diesem fesselnden Film von Susanna Nicchiarelli (Cosmonauta), der sich – für ein Biopic eher ungewöhnlich – ganz auf dieses „Danach“ konzentriert: die letzten zwei Jahre im Leben der 1938 geborenen, 1988 verstorbenen Nico, die bürgerlich Christa Päffgen hiess und sich in späten Jahren immer öfter so nannte.

Der Film gabelt seine Protagonistin bei einem Konzert in Manchester auf, nach welchem der britische Musikmanager Richard Boon sie unter seine Fittiche nimmt. Es ist eine Art Läuterungs-Trip, auf den sich Nico mit ihrer Amateur-Band nun begibt. Die Tournee führt quer durch Europas dunkle Clubs bis hinter den Eisernen Vorhang, Höhepunkte des Filmes ist ein Konzert in Prag, bei dem Nico und ihre Band beim Auftauchen der Geheimpolizei die Bühne Hals über Kopf verlassen und sich schnellstmöglich über die Grenze absetzen.

Auslöser dafür ist weniger die Musik, als die Drogen: Nico kann ohne den schnellen Kick (noch) nicht leben. Es sind alles andere als schöne Szenen, die Nicchiarelli die Süchtige zeigend dem Publikum auftischt. Doch sie gehören dazu zur schillernden Persönlichkeit, dem magischen Mythos dieser Frau, die als Fräuleinwunder die Bühnen der Welt betrat und zur „Priesterin der Finsternis“ gemausert noch heute als Vorreiterin von Gothic und Punk vergöttert wird. In Nicchiarellis Film reklamiert sie auf dem Weg zu sich jede Narrenfreiheit. Sie lässt sich launisch gehen, raucht, trinkt, tritt verladen vors Publikum und erlangt in ihrem Leiden den Punkt, an dem sie die Sehnsucht nach ihrer vielleicht einzigen Liebe – dem Sohn, den sie mit Alain Delon zeugte, den sie aber schon als kleines Kind anderen anvertraute – zu erdrücken droht.

Nico, 1988 ist ein souverän wirr, wild und assoziativ montierter, zwischendurch verharrender Film. Es gibt darin viel Musik und einige coole Nico-Songs, authentisch interpretiert von der Dänin Trine Dyrholm. Dyrholm ist überhaupt der Trumpf dieses Films: Als Schauspielerin, die – obwohl sie Christa Päffgen wenig ähnlich sieht – in deren Rolle derart aufgeht, dass man Nico persönlich auf der Leinwand zu sehen vermeint.

19.07.2018

5

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