L'intrusa Italien 2017 – 95min.

L'intrusa

Filmkritik

Zuflucht im Kinderhort

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

Eine Sozialarbeiterin steht vor einer schwierigen moralischen Entscheidung, die ihr Lebenswerk zerstören könnte. Das Drama L’intrusa überzeugt durch seinen dokumentarischen Realismus, leidet aber unter einigen schwer greifbaren Figuren.

Giovanna (Raffaella Giordano) hat in einem Vorort von Neapel einen Hort für Kinder geschaffen. Mit ihren Kollegen kümmert sie sich liebevoll um die aus sozial schwierigen Verhältnissen stammenden Kleinen. In dem Hort sind sie vor den Anwerbeversuchen der Kriminellen sicher. Denn das Viertel wird von der Camorra regiert. Eines Tages erhofft sich Maria (Anna Patierno) mit ihren Kindern Zuflucht im Hort. Giovanna nimmt Maria ohne zu Zögern auf – ohne zu wissen, dass sie die Ehefrau eines Camorra-Mitglieds ist.

Regisseur Leonardo Di Costanzo gilt als Meister des Dokumentarfilms. Seine TV- und Kinodokus, die von 1998 bis 2011 entstanden, wurden in seiner Heimat von der Kritik gefeiert. In dieser Zeit unterrichtete er auch an der Dokumentarfilmschule „Atelier Varans“ in Paris. Seit 2012 dreht Di Costanzo Spielfilme, L’intrusa ist sein dritter. Di Costanzo ist auch bei seinen Spielfilmen auf größtmögliche Authentizität und hohen Realismus bedacht. So drehte er L’intrusa fast nur mit Laien-Darstellern und Handkamera, um seinen Figuren so nah wie möglich zu kommen. Und um den Betrachter mitten ins Geschehen zu versetzen. Diese Herangehensweise funktioniert sehr gut, da man auf diese Weise direkt und ganz unmittelbar Teil einer hermetisch abgeriegelten Welt wird.

Eine Welt, in der die Kinder Schutz und Betreuung erfahren. Giovanna leitet das Zentrum mit viel Hingabe und Kraft. Ebenso kraftvoll und beherzt spielt Raffaella Giordano die Rolle der engagierten, aber zunehmend verzweifelten Sozialarbeiterin. Denn die Eltern der Kinder und einige Kollegen wollen die Frau des Mafioso schnell loswerden. Giovanna hingegen will Maria helfen. Diesem brisanten Konflikt widmet sich L’intrusa sehr ausführlich. Unmissverständlich macht der Film klar, in welchem Dilemma Giovanna steckt: Hilft sie Maria, gefährdet sie den Hort. Verwehrt sie ihr die Hilfe, unterläuft sie ihre ganz persönlich gesteckten Ziele und Ansprüche als Sozialarbeiterin.

Leider gelingt es dem Film nicht, Nähe zur zweiten Hauptfigur, Maria, herzustellen. Ihr Verhalten ist oft schwer nachvollziehbar, sie ist extrem undankbar und wirkt gefühlskalt. Di Costanzo legt Maria als wenig greifbaren, undurchschaubaren Charakter an, wodurch beim Zuschauer wenig Mitgefühl für ihr Leid hervorgerufen wird. Formelhaft bleibt auch der Schluss, der eine fast fünfminütige Sequenz einer ausgelassenen Feier im Hort zeigt. Dies will so gar nicht zur sonst eher schwermütigen, pessimistischen Grundstimmung des Films passen.

04.05.2018

3

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