Le brio - Die brillante Mademoiselle Neïla Frankreich 2017 – 95min.

Le brio - Die brillante Mademoiselle Neïla

Filmkritik

Wortwitz trifft auf Kultur-Clash

Irina Blum
Filmkritik: Irina Blum

Eine junge Studentin mit Migrationshintergrund kommt an ihrem ersten Tag zu spät zur Uni – ausgerechnet in die Rhetorikvorlesung des engstirnigen Professors Pierre, der für seine rassistischen Aussetzer bekannt ist: Yvan Attals Kultur-Clash-Komödie bietet jede Menge Zündstoff, den er aber nicht konsequent zum Explodieren bringt.

Neïla Salah (angenehm unaufgeregt: Camélia Jordana), die eigenständige junge Frau mit Migrationshintergrund und den dunklen Locken, scheint es geschafft zu haben: Sie wurde an der renommierten Sorbonne für ein Jurastudium aufgenommen und wird die nächsten Jahre vom Banlieue an die Uni pendeln. Dumm nur, dass sie schon am ersten Tag zu spät zur Vorlesung kommt – und damit den Professor Pierre Mazard (Daniel Auteuil) so ziemlich vor den Kopf stösst. Vor dem ganzen Hörsaal blossgestellt, gibt Neïla aber nicht so schnell klein bei und es kommt, wie es kommen muss: Pierre, bürgerlicher Traditionalist, lässt sich zu rassistischen Beleidigungen hinreissen, wird gefilmt, die Aufnahmen finden ihren Weg ins Netz. Der Rektor, der Pierre schon mehrmals wegen inakzeptablem und intolerantem Verhalten zu sich zitieren musste, bietet dem Professor eine letzte Möglichkeit, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen: Er soll Neïla auf einen nationalen Rhetorikwettbewerb vorbereiten und mit einer erfolgreichen Kandidatin mit Migrationshintergrund den angekratzten Ruf der Schule retten.

Ein gesetzter, engstirniger älterer Professor aus einem gutbürgerlichen Teil der französischen Hauptstadt trifft somit auf eine junge maghrebinische Frau aus dem Banlieue, die ihre ganz eigenen Vorstellungen vom Leben und so gar keine Lust auf Nachhilfe beim rassistischen Dozenten hat – Kultur-Clash par excellence. Regisseur Yvan Attal gestaltet dieses Aufeinanderprallen von zwei Kulturen und zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, mit viel Feinsinn – die Differenzen zwischen Neïla und Pierre werden mittels treffsicheren rhetorischen Schlagabtäuschen ausgetragen – und Gespür für Authentizität sowie Humor. Nichtsdestotrotz ist er sich der Ernsthaftigkeit und Aktualität der angeschnittenen Problemstellungen stets bewusst und lässt den Dialog nie ins Lächerliche abdriften. Gekonnt spielt Le Brio mit Vorurteilen – manchmal bestätigen die zwei Protagonisten diese, manchmal verwerfen sie diese wieder.

Überhaupt hat man das Gefühl, dass Le Brio mit seinen zwei extrem sturen und eigensinnigen Charakteren (insbesondere bei Pierre fragt man sich zu Beginn, ob man es ganze 90 Minuten mit ihm aushalten wird) die Grenzen des Erträglichen austesten will und genau so die politische Korrektheit teilweise über Bord zu werfen versucht. Das manifestiert sich auch darin, dass sich die beiden Persönlichkeiten nicht zwangsläufig verändern beziehungsweise ihre teils fragwürdigen Eigenheiten und Meinungen revidieren müssen, um sich gegenseitig anzunähern. Genau das wird zum Schluss des Films dann aber zunichte gemacht, wenn er auf klassische Formen des Genres zurückgreift und mit einem Feel-Good-Ende den Kreis zu schliessen versucht. Politisch korrekt ist das zwar – der Aussage des Films hätte ein mutigerer und unkonventionellerer Abschluss dieser Geschichte aber nichtsdestotrotz gutgetan.

19.06.2018

3

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Kommentare

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Barbarum

vor 4 Tagen

Gegen Ende fügt sich tatsächlich alles etwas zu genügsam zusammen. Und dass eine junge Frau aus dem Banlieue von einem privilegierten, älteren Herrn die Kunst der Rede lernt, ist ein Klischee an sich. Doch die Charaktere sind überzeugend gestaltet, und Attal versteht es, mit einer Leichtigkeit zu inszenieren, die über etwaige Hindernisse hinweghilft. Zudem spielen Camélia Jordana und Daniel Auteuil fabelhaft miteinander.Mehr anzeigen

Zuletzt geändert vor 21 Stunden


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