CH.FILM

Edelweiss Revolution Frankreich, Schweiz 2019 – 90min.

Filmkritik

Mit altersbedingter Zivilcourage gegen Waffengewalt

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

50 Jahre nachdem sie für die Einführung des Zivildienstes kämpften, engagieren sich einige befreundete Westschweizer für das Verbot von Waffenexporten. Eine auf wahren Begebenheiten beruhende Schweizer Polit-Komödie, die von der charmanten Aufmüpfigkeit ihrer etwas in die Jahre geratenen Protagonisten lebt.

Sie waren Ende der 1960er-Jahre jung, politisch links und radikal. Beeindruckt vom Mai 1968 beschlossen sie, sich politisch einzumischen. Sie gründeten 1969 „Le Mouvement pour un service civil à la communauté“ (MSCC) und kämpften fortan an vorderster Front für die Einführung des Zivildienstes. Im April 1972 schliesslich deponierten sie vor dem Bundeshaus Waffen und Uniformen und liessen ihre Dienstbüchlein von Frauen zerreissen. Diese Aktion liefert den Hintergrund von Fred Baillifs fiktivem Dokumentarfilm Edelweiss Revolution, der Fragen des politischen Aktivismus ebenso aufgreift wie er die Stellung der Senioren in der Schweiz im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts unter die Lupe nimmt.

Die MSCC ist im Laufe der Jahre auseinandergebrochen. Einige ihrer Mitglieder aber – etwa Jean „Gino“ Lavergo, Alain Simonin und André Béday, Nadia Braendle, Miryam Mosimann Lalou, Michel Sermet und Rodolphe Banz – sind nach wie vor befreundet. Rund um ihr sechzigstes Lebensjahr haben die Freunde sich zu fragen begonnen, gegen was sie heute Einspruch erheben würden und beschlossen sich nochmals zu engagieren: gegen Waffenexporte in Krisengebiete, aber auch dagegen, von der Gesellschaft als nutzlose Alte mundtot gemacht und aufs Abstellgeleise gestellt zu werden.

In Fred Baillifs Film spielen sich die ehemaligen Protestler an der Seite von professionellen Schauspielern wie Jean-Luc Bideau und Irène Jacob selber und beschreiten, nachdem Simonins Enkel in der RS Opfer eines blind abgegebenen Schusses wird, den Weg des Terrorismus. Unter anderem mit Archivmaterial arbeitend stellt Baillif mit Edelweiss Revolution eine in der Wirklichkeit verankerte, bissige gesellschafts- und politkritische Schweizer Komödie vor.

Deren Story um die Terroraktion ist zwar ein bisschen an den Haaren herbeigezogen. Doch die Dialoge sind oft witzig und die alten Revoluzzer entwickeln vor der Kamera mindestens so viel Charme und Charisma wie die Profischauspieler. Und die leise Altersmelancholie, die sich bisweilen einstellt – etwa wenn man es sich im Spa bei Jean-Luc in den Bergen gut gehen lässt und die Politik für einmal vergisst – verpasst diesem Film, der zum Schluss fordert, dass die Schweiz die “erste Nation wird, deren Armee aus Zivilisten besteht“, eine bekömmlich pazifistische Note.

15.07.2020

4

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 16 Tagen

Sperrig-speziell.
Jede Ähnlichkeit des Films mit dem Film im Film ist beabsichtigt.
Jedenfalls keine Komödie zum Zurücklehnen...


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