Foxtrot Frankreich, Deutschland, Israel 2017 – 113min.

Filmkritik

Zwei Schritte nach vorn, zwei Schritte zurück

Irene Genhart
Filmkritik: Irene Genhart

Acht Jahre nach seinem Kriegsdrama Lebanon setzt sich Samuel Maoz erneut mit dem Militär auseinander. Diesmal erzählt er die Geschichte eines Vaters, der um den absurden Tod seines Sohnes trauert.

„Im Dienst des Landes gefallen“, heisst es. Das ist ehrenhaft gemeint und soll Trost spenden. Doch in Foxtrot bricht Daphna Feldman schon zusammen, als sie die vor der Wohnungstür stehenden Gesandten der israelischen Armee erblickt. Ihr Gatte Michael indes hört sich versteinert an, was diese berichten. Dass sein Sohn Jonathan gefallen sei. Dass er sich um Jonathans Beerdigung nicht zu kümmern brauche. Dass er gut auf sich aufpassen und alle 60 Minuten ein Glas Wasser trinken und wenn die Mittels Sedativum beruhigte Daphne wieder zu sich komme bitte das Care-Team informieren soll: Man ist in Israel von offizieller Seite vorbildlich organisiert im Fall eines im Dienst verschiedenen Armeeangehörigen.

Doch Samuel Maoz, der schon 2009 in Lebanon die (sinnlosen) Kriegseinsätze junger Menschen thematisierte, braucht das Paradigma militärisch angeordneter Trauerarbeit nur, um von Anderem zu berichten. Von der hilflosen Verzweiflung der Eltern, insbesondere des Vaters, in der Folge davon auch von der Zerrüttung deren Beziehung. Dabei verarbeitet Maoz, 1962 geboren und selber einst Soldat, in seinem Film nicht nur eigene Erfahrungen, sondern bezieht auch Position. Etwa indem er seinem Film den Namen eines Paartanzes als Titel verpasst und diesen zum roten Faden macht. Zwei Schritte nach vorn, ein Hüpfer, zwei Schritte zurück, ein Hüpfer, so geht Foxtrott, und dabei treten, genau gesehen, die Tänzer hopsend an der Stelle: Irgendwie lächerlich sieht das aus. Vor allem, wenn man, wie Jonathan, den Tanz in voller Militärmontur mit einem Gewehr in der Hand im kargen Nirgendwo der israelisch-palästinischen Grenze und Palästina den Kollegen zum Amüsement vorführt.

Doch was soll man anderes tun? Man muss, um der Langeweile zu trotzen, ja doch irgendwie die Zeit totschlagen, wenn man abgeschnitten von der Welt endlose Tage und Nächte darauf wartet, dass ausser einem Dromedar vielleicht auch mal ein Auto über die Grenze will. Und dann verlieren diese Soldaten, die fast noch Kinder sind, in einer winzigen Sekunde, in der es darum ginge, Gelassenheit zu bewahren, die Nerven. Visuell – auch schauspielerisch – ist Foxtrot bestechend, in seiner Kritik am Militär so eindeutig, dass der Film – vor allem in Israel – gemischte Reaktionen hervorrief. Etwas Besseres kann einem Antikriegsfilm eigentlich gar nicht passieren.

29.03.2018

4

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Kommentare

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thomasmarkus

vor 2 Jahren

Visuell speziell im besten Sinn: Nur schon der Fliessenboden, der mal an den Davidstern erinnert, mal an Bauklotz-Labyrinthe, einfach durch den Perspektivenwechsel. Die Einstellungen von oben, die die Gefangenschaft zeigen. Der Film im Kopf, wenn Jonathan Feldmann die letzte Gutenachtgeschichte erzählt - und wenn sie dann in grau-weiss-Zeichnungen nochmals kommt, fast wie in Danse-with-Bashir. Berückend bedrückend. Etwas schade, dass die Filmkritiken/Besprechungen amigs zu viel verrieten, und ich so im ersten Drittel mehr wusste als die Protagonisten. Wär wohl sonst noch überraschender gewesen. (Lag wohl an den Interviews mit dem Filmemacher, in denen er ein ähnliches Erlebnis mit seiner Tochter erzählt)...Mehr anzeigen


caravaggio

vor 2 Jahren

grandios!
in einer kleinen, sehr übersichtlichen story, erzählt und besitzt dieser film vielschichtig viel inhalt und emotionen. die bilder sind wie aus einem kunstvideofilm geschnitten, beeindruckend. die szenen alle intensiv - und spiegeln die absurdität der gewalt. auf der ebene des leids, der hinterbliebenen und auf der ebene der soldaten, die im "niemandsland" ihren dienst tun müssen.

der film des israelischen regisseurs samuel maoz gewann den silbernen löwe in venedig und wurde besonders in israel sehr heftig und kontrovers diskutiert, erhielt aber dennoch auch dort den ophir award (israelischer filmpreis).Mehr anzeigen


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