Ex Libris - The New York Public Library USA 2017 – 197min.

Filmkritik

Pfeiler der Demokratie

Julian Gerber
Filmkritik: Julian Gerber

In seinem neuesten Werk Ex Libris: New York Public Library übt sich der bereits 88-jährige Vertreter des «Direct Cinema» Frederick Wiseman in unaufdringlicher Beobachtung – und das während mehr als drei Stunden.

Wissen ist ein öffentliches Gut, das jedem zugänglich sein sollte. Da etwa die Hälfte der Weltbevölkerung keinen Internetzugang hat, kann auch die Digitalisierung diesem Problem nur bedingt Abhilfe schaffen. Damit dieser demokratische Grundsatz trotzdem zum Tragen kommt, gibt es öffentliche Institutionen wie die «New York Public Library», die sich dieser Aufgabe verschrieben haben. Und in der New Yorker Bibliothek wird viel für das Wohl der Leute getan: Menschen verschiedenster Couleur und sozialer Schichten profitieren von einer schier endlosen Anzahl von Angeboten, die von der Aufgabenhilfe für Kinder bis zum gemeinsamen Tanzen mit Senioren reichen.

Der Dokumentarfilm von Frederick Wiseman geht ganz nahe ran und dokumentiert als stiller Beobachter selbst vermeintlich belangloses Geschehen. Ohne Off-Kommentare oder Interviews entsagt sich der Film jeglicher Hektik, indem er den Leuten Zeit gibt und sie sprechen lässt – und zwar so, wie im Bibliotheksalltag gesprochen wird und nicht wie es die filmische Inszenierung verlangt. Das kann für den Zuschauer streckenweise ziemlich anstrengend sein, da man vollumfänglich vom New Yorker Bibliothekswesen einverleibt wird. Man nimmt sowohl an Direktionssitzungen wie auch an Buchbesprechungen oder politischen Diskussionen teil, was in Anbetracht des Konzepts des Filmes durchaus Sinn macht, jedoch tiefergehendes Interesse und grosses Durchhaltevermögen der Zuschauer voraussetzt.

Der Film ist ein Plädoyer für die Bibliothek als Ort der Gemeinschaft, der auch im digitalen Zeitalter mehr ist als ein Aufbewahrungsort für Bücher. Um dieses Bewusstsein zu festigen, braucht es vielleicht die 197 Minuten Spielzeit. Wer bereit ist sich darauf einzulassen, wird mit einem durchdringenden, entschleunigenden Portrait einer altehrwürdigen Institution belohnt. Für den kurzweiligen Kinogenuss empfiehlt sich Ex Libris: New York Public Library jedoch nicht.

14.02.2018

3

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Kommentare

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glatz1

vor 2 Jahren

Großartig


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