Darkest Hour – Die dunkelste Stunde USA 2018 – 125min.

Filmkritik

Worte als schärfste Waffe

Noëlle Tschudi
Filmkritik: Noëlle Tschudi

Im Mai 1940 wird die britische Regierung durch das anfängliche Kriegsglück der Nazis in eine existenzielle Krise gestürzt: Premierminister Chamberlain (Ronald Pickup) kündigt seinen Rücktritt an, und damit nimmt das packende Drama um das Wirken Winston Churchills (Gary Oldman) seinen Lauf.

Trotz Churchills geringer Popularität wird einzig und allein ihm zugetraut, Herr der scheinbar aussichtslosen Lage zu werden. Kaum aber ist die Amtsübernahme vonstattengegangen, da wird er auch bald schon von Regierungsmitgliedern und der Öffentlichkeit dazu gedrängt, Friedensverhandlungen mit den Nazis zu führen. Nichts aber könnte ihm ferner liegen: Er bleibt standhaft, hält an seiner Überzeugung fest und und kämpft mit Weitsicht für die Freiheit seiner Nation.

Obwohl Die dunkelste Stunde mit über zwei Stunden eine beachtliche Spielzeit aufweist, ist das Drama um den wohl bekanntesten britischen Politiker des 20. Jahrhunderts nicht nur überraschend kurzweilig, sondern es zeichnet die Figur Churchills aufregend menschlich: Einerseits als unbeugsamer Stratege und Rhetoriker, andererseits als schrulliger und zum Teil chaotischer Zeitgenosse und Querdenker, der Zigarre nach Zigarre raucht und den Morgen bereits mit Champagner begiesst. Oder genauer: Als Exzentriker, der zwar Geschichte schreibt, dabei aber auch voller menschlicher Schwächen ist, als Politiker, der zeitweise so lange an seinen Reden feilt, bis sie den wählerischen Premierminister selbst zu überzeugen wissen, und schliesslich als Mann, der bis zur letzten Sekunde arbeitet, um die dunkelste Stunde Westeuropas zu überwinden.

Die dunkelste Stunde liefert mit einer äussert spannenden Nacherzählung einem der wichtigsten Wendepunkte der Weltgeschichte alles andere als trockene Geschichtsschreibung und Gary Oldman, der sich vorbildlich auf seine Rolle als Churchill vorbereitet hat und dafür mit einem Golden Globe belohnt worden ist, spielt seine Rolle sehr überzeugend. So haucht er durch sein Schauspiel nicht nur zahlreichen Anekdoten um den britischen Staatsmann Leben ein, sondern sorgt ganz eigentlich für das gewisse Etwas, das die dunkelste Stunde aus der schieren Masse der Kriegsfilme der letzten Jahrzehnte herausstechen lässt.

Das Werk Joe Wrights ist zugleich historisches Filmdrama als auch Filmbiographie. Nur eines ist der Kriegsfilm nicht: Ein Schlachtengemälde. So widersteht er beinahe durchwegs der Verlockung, dem Publikum Kriegsszenen vorzuführen, die Churchill schliesslich auch nicht sehen konnte. Durch seinen Fokus auf das Wirken und die Person des Staatsmannes hebt sich das Drama somit dann auch deutlich von anderen Kriegsfilmen ab. Dadurch dürfte es nicht nur einem an den Geschehnissen des zweiten Weltkriegs brennend interessiertem Publikum zusagen, sondern auch eine breitere Zuschauerschaft ansprechen und durch den inspirierenden von Churchill geführten Krieg mit Worten eindrücklich illustrieren, dass wohl gewählte Worte zur rechten Zeit den Lauf der Weltgeschichte ändern können.

11.01.2018

4

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Kommentare

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8martin

vor 2 Monaten

Ein historisches Biopic vom Amtsantritt von Churchill und dem Beginn des 2. Weltkrieges. Der britische Premier (Gary Oldman) kämpft an drei Fronten: gegen Widerstände in der eigenen konservativen Partei, für die militärische Unterstützung durch die USA und für einen Befreiungsschlag gegen die vorrückende deutsche Armee, die bei Dünkirchen einen Großteil der Briten eingeschlossen hat. Das ist das zentrale Thema, ohne dass es breitgewalzt wird. Zu diesem Thema gibt es genug eigene Filme. Hier sind es die politischen und diplomatischen Probleme, auf die sich Regisseur Joe-Abbitte-Wright konzentriert. Und dabei spielt Gary Oldman eine Glanzrolle. Er zeigt überzeugend, dass der große Brite aufbrausend cholerisch war, aber auch einfühlsame Seiten besaß. Da kommt seine Ehefrau Clementine (Kristin Scott Thomas) ins Spiel. Sie wäscht ihm gelegentlich auch schon mal gründlich den Kopf, wenn es sein muss. Ganz anders seine junge Sekretärin Miss Layton (Lily James), die dicht am Wasser gebaut ist. Mit ihr liefert sich Oldman menschlich bewegende Szenen. Sie erklärt dem Premierminister die landläufige Bedeutung des Siegeszeichens mit Zeige- und Mittelfinger (V).
Von Churchills Redetalent bleibt nur die im Unterhaus im Gedächtnis, in der er den Insulanern ‘ Blut, Schweiß und Tränen‘ (Blood, Sweat and Tears) verspricht. Aber auch ihren Patriotismus anstachelt. (‘Soll die Hakenkreuzfahne etwa über dem Buckingham Palast wehen?‘) Eine rhetorische Frage, die aber ihren Zweck erfüllt. Ob Churchill wirklich in der U-Bahn gefahren ist und sich nach der Volksmeinung erkundigt hat, ist ein gelungener dramaturgischer Kniff des Drehbuches. Fakt ist, dass die Briten ihren größten Staatsmann bei Kriegsende trotz seines Erfolges abgewählt haben.
Ein historischer Stoff ist unterhaltsam verpackt und gewährt diplomatische und menschliche Einblicke.Mehr anzeigen


julia_Jools

vor 2 Jahren

Fabelhafte Charakterisierung von Winston Churchill. Unglaublich wie Oldman sich in diese Figur verwandelt hat. Kompliment and Make-up und Kostüm. Die Story ist spannend und mitreissend.
Ein Meisterwerk!


Barbarum

vor 2 Jahren

Winston Churchill liefert Oldman die Möglichkeit zur Wiedergabe wunderbarer Texte und in einer Parforceleistung ist es, als hätte man den Literaturnobelpreisträger selbst vor Augen, wie er in fesselnden zwei Stunden daran erinnert, dass Freiheit ein Gut ist, wert dafür zu kämpfen.

Zuletzt geändert vor 2 Jahren


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