Pio Brasilien, Frankreich, Deutschland, Italien, Schweden, USA 2017 – 118min.

Pio

Filmkritik

Familie verpflichtet

Julian Gerber
Filmkritik: Julian Gerber

Wie in seinem Erstlingswerk «Mediterranea» bleibt Regisseur Jonas Carpignano der Region Kalabrien auch in «Pio» treu. Die Flüchtlingskrise, Fremdenhass und Kriminalität bestimmen den Alltag im sozialen Brennpunkt der italienischen Provinz. Mittendrin befindet sich der Roma-Junge Pio, der nach und nach seine kindliche Unbeschwertheit ablegt und gezwungen ist, Verantwortung zu übernehmen.

Zwischen tristen Häuserblocks und zerfallenen Baracken im italienischen Niemandsland spielt sich der Alltag des 14-jährigen Pio (Pio Amato) ab: Ohne Perspektive auf einen Job oder eine Ausbildung vertreibt er sich die Zeit mit Alkohol, Zigaretten und herumstreunen. Auf seinen Streifzügen gerät er aber zunehmend auf die schiefe Bahn - doch der Roma-Junge ist gewitzt und kann sich Ärger vom Hals halten. Als jedoch sein Vater und sein Bruder festgenommen werden, ist es an Pio, für seine Familie zu sorgen. Durch Diebstähle und geschickt eingefädelte Deals gelingt es ihm, die Sippe über Wasser zu halten. Dabei kann er auf Ayiva (Koudous Seihon), einen Flüchtling aus Burkina Faso, zählen, der ihm als Freund und Beschützer zur Seite steht. Schon bald steht Pio jedoch vor einer folgenschweren Entscheidung, die seine Loyalität auf die Probe stellt.

Das Coming-Of-Age-Drama von Jonas Carpignano thematisiert das Leben am Rande der italienischen Gesellschaft: Ein Schmelztiegel der Kulturen, wo Flüchtlinge, Romas und Einheimische aufeinandertreffen. Pio gelingt es, dieses soziale Gefüge mit einer fast schon dokumentarischen Authentizität auf Kamera zu bannen. Zu diesem Umstand trägt unter anderem bei, dass die Protagonisten alle sich selbst spielen – so entstand eine fiktive Geschichte, die jedoch auf realen Begebenheiten gründet. Als Zuschauer wähnt man sich stets am Puls des Geschehens: Man ist nahe dran am Protagonisten und durchläuft mit ihm den Prozess des Erwachsenwerdens, in dem Pio mal selbstsicher und abgebrüht agiert und dann aber auch wieder seine kindliche Seite aufblitzen lässt. Die totale Perspektivlosigkeit steht im Kontrast zum poppigen Soundtrack, der über die Tristesse der italienischen Einöde hinwegträumen lässt. Dem Film gelingt es, die familiären Strukturen eines Roma-Clans zu durchdringen und lässt einem mit der leicht bedrückenden Erkenntnis zurück, dass Familie verpflichtet – und zwar absolut und ein Leben lang.

27.12.2017

4

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