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Zaunkönig - Tagebuch einer Freundschaft Schweiz 2016 – 78min.

Zaunkönig - Tagebuch einer Freundschaft

Filmkritik

Davonfliegen wie ein Vogel

Björn Schneider
Filmkritik: Björn Schneider

In seiner eindringlichen Doku Zaunkönig widmet sich Regisseur Ivo Zen dem Leben eines Freundes. Ein Freund, der mit 34 Jahren an seiner Drogensucht starb. Mit alten Weggefährten sowie Tagebucheinträgen des Verstorbenen, bringt er dem Zuschauer eine ruhelose und von Ängsten geplagte Persönlichkeit näher.

Der sehr persönliche Film Zaunkönig – Tagebuch einer Freundschaft taucht in das Leben von Martin Felix ein. Dieser fiel mit Mitte 30 seiner Drogensucht zum Opfer. Früher war er von Filmen und dem Schreiben fasziniert. Er führte Tagebuch. Er war aber auch immer schon ein schwermütiger Mensch, dem der Durchschnitt nicht reichte. Felix wollte stets höher hinaus als alle anderen. So hoch wie die Vögel, die er als Jugendlicher so gerne in Bahnhofsunterführungen malte. Bald gesellten sich Drogen und ein exzessiver Lebensstil zur Melancholie. Wie es zu seinem frühen Tod kommen konnte und was von ihm übrig bleibt: Vor allem diese Fragen will Regisseur Ivo Zen mit Zaunkönig beantworten.

Der auf Dokumentarfilme spezialisierte Filmemacher Zen sprach für Zaunkönig mit vielen Weggefährten, Jugendfreunden und Familienmitgliedern von Martin Felix, u.a. mit seiner Mutter. Der Film beruht auf den persönlichen Aufzeichnungen von Felix, die Anfang 2013 in Buchform erschienen. Internationale Premiere feierte Zaunkönig auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis 2017.

Zaunkönig entwirft auf sensible, angenehm zurückhaltende Weise das Porträt eines hochintelligenten, emotionalen jungen Mannes. Zen verwebt die einzelnen Elemente seines Films dabei jederzeit dramaturgisch sinnvoll und nachvollziehbar. Er zeigt einen Mann, der innerlich zerrissen war und zu viel von sich – und dem Leben – erwartete. Davonzufliegen wie der Zaunkönig, war Felix‘ Traum. Ein Vogel, den dieser zeitlebens immer sehr mochte. Der junge Mann hatte – das wird durch die ausgiebig vorgetragenen Tagebuchpassagen im Original-Wortlaut deutlich – stets Angst, klein und unauffällig zu sein. So wie der Zaunkönig, einer der kleinsten Vögel Europas. Diese Furcht, den Anforderungen der Gesellschaft nicht zu genügen und der Drang nach Realitätsflucht, ließen ihn zu den Drogen greifen.

Die Tagebucheinträge lässt Zen von wechselnden Personen vortragen, die auch von ihren ganz persönlichen Erfahrungen mit Felix berichten. Sie schildern, wie sie ihn erlebten – in der Schule, beim Drehen von kleinen Filmen, beim Feiern und in Rauschzuständen. Zusammen mit den Inhalten des Tagebuchs, die Felix‘ Seelenqualen und Ängste schonungslos offen legen, ergibt sich ein allumfassendes Bild einer von Unsicher- und Schüchternheit durchzogenen, zweifelnden Persönlichkeit. An einer Stelle des Films, bringt es sein alter Freund Ivo Zen auf den Punkt: "Wir wollten beide hoch hinaus, wo uns niemand folgen konnte. Bis mit den Ansprüchen des Lebens die Angst kam, nicht zu genügen."

15.02.2017

4

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Kommentare

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MAD

vor einem Jahr

Absolut sehenswert....!


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